Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 6 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 23 — „Ich will Sie nicht unnöthig beunruhigen, Frau Gräfin," entgegnete ausweichend der Arzt, „trachten Sie nur, daß der Herr Graf größtmöglichste Ruhe habe und so bald als möglich transportirt werden könne." „Wie steht es um seinen Gegner?" fragte Jlka, nur schwer ihre Erregung niederkämpfend. „Ich hörte, daß er eine Stunde nach dem Duell Venedig verlassen," entgegnete der Arzt. Die Gräfin athmete erleichtert auf. „Wird man ihn verfolgen?" fragte sie. „Verfolgen? Wohl kaum! Ist der Vogel entwischt, hat man schwer ihm nachfliegen." „So glauben Sie aber, daß man den Grafen, wenn man ihn noch hier findet, zur Rechenschaft ziehen wird?" „Zweifelsohne! Wir müssen eben trachten, die Heilung zu beschleunigen, jede Aufregung fern zu halten!" „Das heißt mit anderen Worten," dachte Jlka für sich, „daß ich Alles geduldig von ihm hinnehmen muß, will ich mir nicht Vorwürfe machen, wenn seine Heilung nicht fortschreitet!" Als sich der Arzt entfernt hatte, begann der Kranke aufs Neue zu toben und zu fluchen. Er verlangte nach eckrem andern Arzt und als sich Jlka diesem Verlangen widersetzte, da sie fürchtete, die Behörden könnten durch jenen Andern, den man hinzuziehen würde, Nachricht von dem Duell erhalten, erging sich der Graf in Schmähungen und Vorwürfen, beschuldigte die junge Frau, daß sie nur, um ein paar Lire zu sparen, Niemand rufen lassen wolle, das sei der „jüdische" Geiz, der in ihr lebe, die Habgier, die sie mit der Muttermilch emgesogen. Die junge Frau weinte heiße Thränen, bezwang sich aber, ihm Nichts zu entgegnen. Wollte sie ihn nicht noch mehr beunruhigen, durfte sie ihm ja nicht sagen, weshalb sie gegen Hinzuziehung eines andern Arztes war. Der sehnlichst wie noch nie erwartete Vater kam nicht, statt seiner wieder eine Depesche, die sie in eine noch höhere Aufregung versetzte. Sie lautete: „Wenn Du in den letzten 2 Tagen Nachricht vom Vater gehabt, depeschire sofort; bin sehr besorgt, da ich nicht weiß, wohin er sich gewendet. Rachelle." „Was war das? Die Mutter sollte nicht wissen, wo der Vater sei? Jetzt erst fing sie an, den Inhalt jener zuvor erhaltenen Depesche zu verstehen. Also deshalb war der Onkel dort. Doch jenes vernichtete Papier? Welche Bewandniß hatte cs mit diesem? Welchen Grund konnte der Vater haben, seinen Aufenthalt zu verheimlichen? Es schwindelte ihr vor den Augen. War es nicht genug an dem Unglück, das hier auf ihr lastete? Drohten von dort auch unheilschwere Wolken? Sie depeschirte sofort zurück: „Habe seit 8 Tagen keine Nachricht vom Vater. Würde glücklich sein, wenn er käme. Umgehende Antwort was vorgefallen. Jlka." Die sehnlichst erwartete Antwort kam nicht. Frau Rachelle hatte eben den Kopf verloren. Ohne ihr Gold und ihre Juwelen war sie die unglücklichste Person der Welt; sie jammerte, wehklagte, vergrub sich in ihre mit Spitzen und Stickereien garnirten seidenen Kiffen, wollte Niemand, selbst nicht ihre Klnder, sehen und schien so fassungslos, daß Leo Braun allen Ernstes daran dachte, an seine Frau oder an Jlka zu telegraphiren, damit ihr Jemand in dieser schweren Zeit zur Sette stände. All' ihre Freundinnen hatten sich urplötzlich von ihr zurückgezogen. III. Norbert. Das Gerücht, daß die Firma Alois Braun vor dem Concurs stehe, mußte sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt verbreitet haben. Man erzählte sich bereits, daß Alois Bruder gekommen, um die geschäftlichen Angelegenheiten zu ordnen. Wer den kleinen Mann, die sorgenvolle Stirn über große Geschäftsbücher gebeugt, da im Comptoir sitzen sah, erkannte bald, daß er keine leichte Arbeit hatte. Er rechnete und rechnete, erwog, ob die aus Alexandrien zu erhoffenden Gelder in Jahren den Börsenverlust wett machen könnten, ob es angezeigt sei, von den Gläubigern einen Aufschub zu verlangen, ob besser, sich mit etwa 50 Proc. zu einigen, da ward die Thür ungestüm aufgerissen, Neffe Norbert trat ein und schien sichtlich verblüfft, den Onkel hier zu finden. Er drückte das goldne Monocle in das eine Auge, trat vor den Spiegel, um die blaue Cravatte und das weiße Gilet zu richten und als der Onkel ihn immer noch nicht zu bemerken schien, sagte er. ihm auf die Schulter klopfend: „Grüß Gott, Onkel! Was führt Dich her?" „Das weißt Du nicht?" fragte vorwurfsvoll Leo Braun. „Komme eben von den großen Jagden," sagte leichthin der junge Mann! Habe gestern in Baron Willims Fort 3 Rehe erlegt, große Bravour bewiesen!" „Ich meine, Du würdest eine größere Bravour beweisen, wenn Du Dich um die Geschäfte Deines Vaters kümmerst!" entgegnete der Onkel. „Ich mag kein Handelsjut? werden!" sagte verächtlich der junge Mann. „Zügele Deine Zunge, Herr Neffe," mahnte Leo Braun; „es ist jetzt keine Zeit, den Junker zu spielen! Dein Vater ist ruinirt, ist flüchtig, ist bereits Stadtgespräch, und Du, Du wagst es, in dieser ernsten —" „Herr des Himmels, unterbrach kreidebleich werdend der junge Mann, und ich brauche heut 2000 Gld., die eine Ehrenschuld sind und gezahlt werden müssen?" „Eine Ehrenschuld?" entgegnete unwillig Leo Braun; „eine Schandschuld wolltest Du sagen! Ist es nicht eine Schande, daß ein junger Mensch wie Du — ich ersehe es eben aus den Büchern — in einem Jahre 38 000 Gld. verbraucht? Wo hatte Dein Vater seinen Verstand, als er Dir diese Summe bewilligte?" „Das ist hoffentlich meines Vaters Sache," erwiderte hochmüthig der junge Mann. „Deshalb auch mußte Dein Vater flüchtig werden," fuhr, die Antwort ignorirend, Leo Braun fort. „Eines kommt zum Andern! Aufwand im Hause, Verluste, noble Passionen, das sind Factoren, die selbst den gediegensten Reichthum erschüttern können!" „Steht es denn wirklich so schlecht?" forschte der junge Mann. „Studire diese Bücher! Sie werden Dir Antwort geben." „Ich verstehe mich auf den Kram nicht, habe nie in Geschüftssachen ein Urtheil gehabt!" „Das eben ist das Unglück! Wenn ein Sohn seinem Vater zur Seite steht, kann es nicht so weit kommen! Meine beiden Söhne sind die Stützen meines Hauses; der eine reist, unterhält die auswärtigen Verbindungen, der andere führt Buch und Kasse! Sie kennen keinen anderen Ehrgeiz, als den, das Geschäft ihres Vaters zu heben! Glaubst Du, daß sie deshalb, weil sie strebsame Kaufleute sind, weniger in den Augen der Welt gelten?" „Du darfst mich mit ihnen nicht vergleichen, Onkel," entgegnete Norbert unwillig; „ich habe eine andere Erziehung genossen, andere Grundsätze, andere Ziele — doch das bei seit! Sag mir nur allen Ernstes, ist der Vater wirklich nicht hier? Er kann doch unmöglich —" das Wort erstarb ihm auf der Zunge. „Dein Vater ist flüchtig," sagte jedes Wort scharf accentuirend Leo Braun; „er ist ruinirt; es dürfte kaum zu einem anständigen Accord kommen, da Niemand wird glauben wollen, daß der als Millionär bekannte Mann urplötzlich ein Bettler geworden!" Norbert sank wie vom Schlage getroffen zusammen. „Was wird aus mir?" rief er verzweifelnd. (Fortsetzung folgt.)