Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 6 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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^rfv^?rNi ./,. '■<*$ 77.--^ — 22 Wohlgefallen ruhe und eine gewisse Sicherheit der Bewegung war das Ergebniß dieser dunklen Ahnung. Sie setzten sich, wie^zwei fröhliche Kinder, auf den Rasen am Fuße des Baumes und waren, ohne daß sie es recht merkten, bald in ein Gespräch vertieft. Stefan, der Hochgeborene, erzählte dem bescheidenen Judenkinde von seinen Erlebnissen und Bedrängnissen, seiner liebeleeren Jugend, von den, seit dem Tode der zärtlichen Mutter, immer mehr sich zuspitzenden Zerwürfnissen mit dem Vater, seinem Ringen und Kämpfen nach Unabhängigkeit, seinem heißen Verlangen nach Bethätigung der ihm innewohnenden Kraft. Mit plastischer Deutlichkeit traten die Bilder der Vergangenheit durch das gestaltende Wort in die Erscheinung, sprudelnd quoll der Redestrom dahin und von ihm getragen, glitt er halbunbewußt in die verborgenste Tiefe seines Gemüthes, zur steilsten Höhe seines Denkens. Und Lea lauschte mit glühenden Wangen diesen lebensvollen Schilderungen; ihre kleine, weiße Hand ballte sich unwillkührlich, da er der Widerwärtigkeiten seiner Jugend gedachte, ihre Gestalt schien zu wachsen bei der Erwähnung seiner Triumpfe auf dem Felde des Wissens, ihre Thränen flössen dem frühen Hingang seiner Mutter. Es war, als ob sie das alles miterlebte, und wie Stefan in ihr von sympathischem Mitgefühl erglänzendes Gesicht blickte, glaubte er noch niemals ein reizenderes gesehen zu haben. Auch sie gab, durch sein Drängen bewogen, anfangs stockend, dann immer bestimmter, Kunde von ihrer Kindheit und ersten Mädchenjahren. Eine ihr selbst unerklärliche Scheu ließ sie von den Eltern nur in den allgemeinsten Ausdrücken, und gar nicht der Stürme Erwähnung thun, die auch über ihr Haupt dahingebraust waren- Ihr Bericht beschränkte sich nur auf ihren eigenen Entwicklungsgang, auf ihr Innenleben, so weit es in seinen verborgenen Windungen klar vor ihr lag. Doch Stefan drang, von diesen kurzen, verworrenen Andeutungen geleitet, mit schärferen Augen in den tiefen Schacht ihres Gefühlslebens und gewahrte da, mit unbegränztem Erstaunen, Elemente von stürmischer Leidenschaftlichkeit und ernster, unentwegter Wahrheitsliebe, von frühreifer, fast männlicher Klarheit des Urtheils und naiver Jugendfrische, von Herbheit und krankhafter Weichheit der Empfindung, alles das in einer Mischung, wie sie ihm in dieser Art noch nie erschienen. In wenigen Stunden waren sie sich nahe getreten, als ob sie Jahre ihres Lebens mitsammen verbracht hätten, und als sie sich trennten, war es beiden so natürlich und selbstverständlich sich wiederzufinden, daß Lea die unausgesprochene Frage, die in Stefans Blick lag, einfach mit den Worten: „morgen, um dieselbe Zeit", bejahte. (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! Original-Roman von Ida Barber. 38 (Fortsetzung.) Unten von der Riva lautes, bewegtes Leben, Frohsinn und Freudigkeit, drüben auf der Lagune zahllose Gondeln und Dampfer mit glücklichen Menschen; ja, auch sie hatte sich einst das Leben in Venedig und noch dazu auf der Hochzeitsreise schön gedacht und nun? Welche Zeit verbrachte sie hier? Gab es in ganz Venedig eine bedauernswerthere Frau? — Die Worte, die sie jetzt hören mußte, zerschnitten ihr das Herz. Der Graf kannte keine Rücksicht. Obschon sie that, als höre sie seine Beleidigungen nichr, um nicht antworten zu müssen, tobte und schimpfte er in einem fort. Der Jud' und wieder der Jud'! Jetzt erst trat der ganze in ihm lebende Haß zu Tage, der ihn gegen Andersgläubige erfüllte, der Mangel an jeglicher Herzensbildung und Rücksichtnahme. Schaudernd, einem solchen Manne angehören zu sollen, wandte sich Jlka ab. „Wenn er nur käme," flüsterte sie halblaut. „Glaubst Du, ich höre Dich nicht," rief der Graf in grimmiger Wuth. „Wenn er käme, das laß Dir gesagt sein, Du heuchlerisches, ehebrecherisches Weib, würde ich ihn, so elend ich bin, niederschießen, wie —„ Erschöpft, keines Wortes mächtig, sank der Graf in die Kissen zurück. Die junge Frau war der Verzweiflung nahe. Was hatte sie mit anhören müssen! Und diesem Mann, der so zu ihr reden wagte, sollte sie eine treue Pflegerin sein? Nachdem sie nach dem Arzt gesandt, überlegte sie, was zu thun sei. „Nun, der Vater wird ja ba'd kommen," tröstete sie sich, alle Pläne, die sie in diesem Moment gefaßt, im nächste» verwerfend. Plötzlich that der Graf die Augen auf; wirr blickte er im Zimmer umher. „Nun, ist er schon da?" höhnte er; „ist Deine Sehnsucht befriedigt?" „Was hat er Dir Böses gethan," entgegnete erregt die Frau, daß Du so von ihm zu sprechen wagst?" „Was Böses?" rief der Graf. „Zum Krüppel hat er mich gemacht, zum —" „Von wem redest Du denn?" unterbrach Jlka aufhorchend. „Nun, von ihm, den Du erwartest," höhnte der Graf voller Verachtung. „Ich erwarte den Vater," entgegnete die junge Frau; „hier diese Depesche, die ich unlängst erhalten, meldet mir, daß er unterwegs sein muß!" Hastig griff der Graf nach dem Blatte. „Ist auch Zeit, daß er kommt," sagte, ohne sich ob seines unlauteren Verdachts zu entschuldigen, der Graf, „Krankheit kostet Geld, bin wieder abgebrannt bis auf den letzten Hunderter." „Der Vater hat Dir doch erst in voriger Woche eine bedeutende Summe gesendet," entgegnete Jlka. „Seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen!" entgegnete der Graf. Jlka war auf's Tiefste empört. Erkannte sie erst jetzt, da er sich gehen ließ, seinen wahren Charakter? Vor welchem Abgrund stand sie? Am liebsten wäre sie gleich auf und davon, doch durfte sie den Kranken, wie immer er ihr begegnete, in biesem Zustande verlassen? Als sie noch so nachsann, ward der Arzt gemeldet. Er untersuchte den Patienten, schien sehr ungehalten, daß der Verband gelockert sei. „Wir werden die Arbeit von Neuem beginnen müssen," sagte er. — „Wenn Sie sich nicht ruhiger verhalten, ist Heilung der Wunde absolut unmöglich!" „Mir ganz gleich," entgegnete der Graf. „Freude am Leben habe ich doch nicht mehr!" Der Arzt manipulirte noch eine Weile; bei jeder Bewegung zuckle der Kranke zusammen. „Ja, ja," sagte der Arzt kopfschüttelnd, „Kugel hat schlechte Stelle getroffen! Müssen Geduld haben!" „Ich habe aber keine Geduld!" tobte der Graf. „Legen Sie mich lieber gleich unter die Erde, ehe Sie mich solche Schmerzen ausstchen lassen!" „Das dauert nur noch einige Tage," beruhigte der Arzt; sonach geht die Heilung schmerzlos von statten." „Einige Tage in diesem Zustande? Ich ertrage es nicht noch eine Stunde!" Der Arzt gab statt aller Antwort der Gräfin einen Wink, ihn in's anstoßende Zimmer zu begleiten. „Duell kann schlimme Folgen haben," sagte er; „Behörde ist auf der Spur." „Was kann meinem Gatten geschehen?" sagte Jlka gleichgültig; „er ist verwundet. Man kann ihn doch jetzt unmöglich zur Rechenschaft ziehen?" „Aber später," entgegnete der Arzt, „wenn nur erst die Wunde soweit geheilt wäre, daß Sie abreffen könnten!" „Sind die Gesetze streng?" forschte Jlka besorgt. x