Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 6 (1886) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
6 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492351-9579404-9574207--0549-9574208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M 6. Jüdisches 1886. Ulilifl'f/«// Herausgegebcn von vr. Rahme» in Magdeburg. Zur Untcrhaltung u. Mehrung für die israelitische Jugend. Inhalte Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Zur Geschichte der Familie Meyerbeer. Von Max Weinberg. — Lesefrüchte. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel- Lösungen. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) „Ob ich Sie verstehe? Gewiß verstehe ich Sie'" rief er bewegt aus. „Was Sie in Büchern suchen und niemals ganz finden, — es ist das unendliche, ungestillte Sehnen nach' den Lichtfernen, nach dem Schönheitsideal, das jeder besser organisirte Mensch vorgebildet, gleichsam als Urtypus in seinem Busen trägt, es ist die Aspiration nach höheren Dingen, die auch mir zuweilen mit hörbarem Schlage an die Brust pochte und sie zuweilen zu zersprengen drohte." „Wie aber," fuhr er, wie zu sich selbst sprechend, fort, „mag der göttliche Funke hierhergerathen, durch welches Medium da zur Hellen Flanrme entfacht sein?" Lea hörte hochaufathmend zu. Nie hatten noch ähnliche Laute ihr Ohr berührt, nie die menschliche Sprache in melodischeren Tönen ihr diese seelenbezwingende Macht verrathen. „Es ist schön, was Sie da sagen," rief sie mit kindlichem Vergnügen. „Aber was ist Aspiration und der Urtypus des Schönen, den jeder bessere Mensch in sich trägt?" „Sie haben es, Sie tragen es in sich," erwiderte er lebhaft, „das genüge Ihnen. Wozu auch die Schönheit in ihre Bestandtheile ängstlich zerlegen, wozu die Staubfäden der Rose zählen, den farbenglänzenden Schmetterling unter das Mikroskop nehmen, anstatt an Duft und Thaufrische sich harmlos zu ergötzen?" Sie waren mittlerweile an den Saum des Waldes gelangt; vor ihnen dehnte sich die staubige Landstraße, die nach Z. führte. Wie von einem gemeinsamen Gefühl bestimmt, hielten sie hier Beide still. „Ich finde den Weg nach Hause schon allein," sagte Lea, zuerst das eingetretene Schweigen brechend. „Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit und — und für den Genuß, den mir Ihre Worte bereitet." Stefan hielt die ihm dargereichte Hand fest. „So kann ich von Ihnen nicht scheiden : Sie müssen mir versprechen, daß unsere erste Begegnung heute nicht die letzte sei, daß ich Sie wiedersehe." „Ich weiß nicht, ob ich darf," entgegnete sie zögernd. „Uebrigens, wer kümmert sich um mich? Jeden Tag fast bin ich da, bei meinem Lieblingsplätzchen im Walde, und bis nun hat noch Niemand Anstoß daran genommen." Der junge Graf mußte unwillkürlich lächeln, ob des naiven Kunstgriffes, vermöge dessen sie ein halbes Zugeständniß unter einer allgemeinen Redewendung verhüllte. Freundlich grüßend entfernte er sich. Lea eilte wie aus Wolken getragen heimwärts. Ihr ganzes Denken und Fühlen war in Aufruhr, stürmisch klopften ihre Pulse; war ihr doch etwas begegnet, was sie in ihren schönsten Träumen nicht für möglich gehalten hätte. Einen Menschen, einen wirklichen, nicht eine unerreichbare, in idealer Höhe thronende Buchgestalt, hatte sie kennen gelernt, hatte ihn reden hören in der Sprache der in den Mysterien der Bücherweisheit Eingeweihten. Und zu ihr hatte er gesprochen, mit freundlichem Wohlwollen ihren zaghaften Bemerkungen, dem Kindeslallen der noch gebundenen Seele, gelauscht, hatte ihrem unklaren Empfinden die gesättigte Farbe seiner geklärten Empfindung, ihrem schüchternen Ringen nach dem entsprechenden Ausdruck die Kraft seines eigenen, zündenden Wortes geliehen. So war also wirklich nicht Alles, was sie bewegte, baarer Unsinn, wie die Leute ihrer Umgebung mit verächtlichem Achselzucken sie glauben machen wollten, wenn ja einmal eine Aeußerung aus ihrer ängstlich verschlossenen Lippe drang, so war das, was sie vor jeder Berührung scheu bewahrend, in dunkler Tiefe barg, doch nicht ganz unwerth, an's Helle Tageslicht gezogen zu werden. Einige Tage nach jener Begegnung war sie von ihren Phantasmen so in Anspruch genommen, so eingesponnen in ihr prächtiges Luftgewebe, daß sie wunschlos und heiter dahinlebte und gar kein Bedürfniß nach einer Veränderung empfand. Als sie dann, mehr der mechanischen Gewohnheit, wie einem inneren Drange folgend, ausging und den Weg, wie immer, nach dem Walde einschlug, war sie fast überrascht, Denjenigen, der seither ihre Gedanken unablässig beschäftigt hatte, unter dem Schatten ihrer Buche wiederzufinden. Ihr vollkommenes Glücksgefühl hatte ihr den Urheber desselben so in den Hintergrund gedrängt, daß sie sogar ihrer quasi Verabredung vergessen hatte. Der Graf sprang ans, als er ihrer ansichtig wurde. „Endlich kommen Sie. Täglich habe ich Sie hier erwartet, stundenlang nach allen Richtungen ausgeschaut, ich mußte schon fürchten, daß Sie mich ganz vergessen haben." „Vergessen"? sagte sie mit ernstem Kopfschütteln, „wäre dies der Fall oder Ihr Bild auch nur verblaßt in meinem Innern, schon längst würde ich hier gewesen sein, um meiner matten Erinnerung zu Hülfe zu kommen. Ich dachte, im Gegentheil, aar oft an Sie, und was Sie damals sagten, beschäftigte t.äch so sehr, daß mir dagegen alles andere, auch mein Spaziergang unwichtig erschien." So einfach uitd natürlich klangen diese Worte, deren schmeichelhafter Sinn ihr offenbar nicht gegenwärtig war, daß Stefan, trotz der französischen Leichtigkeit der Manieren, nicht schnell genug die 'nothwendige Haltung erlangte, um das Compliment zu erwiedern und in das leichte Fahrwasser der Causerie hinüberzusteuern. Schweigend blickte er ihr ins Antlitz und konnte kaum einen Ausdruck des Erstaunens unterdrücken, den diese Züge seinem Inneren eingedrückt, als ob er sie seit Jahren schon gekannt, trugen heute ein ganz fremdartiges Gepräge. Nur die schönen, schwarzen, von innen heraus leuchtenden Augen waren dieselben, sonst hatte das Gesicht an Fülle und Rundung gewonnen, ein rosiges Colorit war wie ein Lichtschimmer darüber gebreitet und auch der Ausdruck war ein anderer. Die Knospe war über Nacht zur Blume entfaltet, unter den Sonnenstrahlen des Glückes, hatte die ganze Gestalt sich erhoben, aus der matten Cbrysalide ein froher, glänzender Schmetterling sich entpuppt. Sie selbst wußte nichts von dieser Methamorphose und doch sagte ihr der weibliche Instinkt, drß der Blick des jungen Mannes auf ihr, der Unscheinbaren, Häßlichen, mij.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.