Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 5 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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19 — Hchäftsgebahrung, es war zweifellos, daß der betrügerische Bankerott angezeigt werden würde. Wieder sagte sich Leo Braun: „Das muß verhütet werden und wieder war er es, der die Initiative ergriff, um das Verderben abzuwenden. Noch am selben Abend depeschirte er seiner Gattin: ^.Werde noch 3—4 Tage hierbleiben müssen; Sanders ist anir der beste Berather! Fürchte Nichts! Einstweilen Alles geordnet." Telegramme nach allen Weltgegenden wurden an Alois Braun abgesendet, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Da man ihn in Venedig bei der Tochter vermuthete, ging auch eine Depesche nach dort hin ab. IV. Am Krankenbette. Gräfin Jlka saß am Krankenbette ihres Gatten, dessen Wunde von Tag zu Tag mehr schmerzte, als der Tele- Hraphenbote ihr nachstehendes Teldgramm brachte: „Für Alois. Leo hat mit Feini geordnet, das fragliche Papier vernichtet, Deine Anwesenheit hier unumgänglich nöthig; schleunigst zurückkommen!" Die junge, ohnehin aufs Höchste erregte Frau wußte gar nicht, wie sie den Sinnder Depesche deuten sollte. Wähnte man den Vater bei ihr? Sollte er vielleicht noch kommen? Was war es mit dem vernichteten Papier? Wieso mischte sich Leo — das konnte ja nur der Onkel sein — in ihres Vaters Angelegenheiten? All diese Fragen, die sie sich wiederholt vorlegte, regten sie ungemein auf. Neben ihr lag bald fiebernd, bald fröstelnd der Gatte! gerad' heut' hatte man die Kugel aus der Wunde entfernt. Der Graf war während dessen narkotisirt worden; als er erwachte, schrie er wild vor Schmerz auf, es schien doch, daß edlere Theile verletzt worden waren. „Dieser Jud', dieser Lump, dieser elende Kerl!" rief er einmal über das andere; „hätte ich ihm nur gleich beim ersten Gang seinen nichtsnutzigen Schädel zerschmettert! Jetzt werde ich zeitlebens eia Krüppel sein! und das habe ich meiner werthen Frau Gemahlin zu danken! „Der Teufel hol' die ganze Juden-Bagage!" fuhr er in wildem Zornesausbruche fort. „Wer hieß mich auch mit ihnen anbinden! Fluch klebt an dem Gelde, das —" „Aber Dagmar", unterbrach ihn unwillig die Gräfin, „Du vergissest, daß Deine Worte mich tief schmerzen! Habe Geduld! Auch diese Prüfung wird vorübergehen!" „Du hast gut reden, erwiderte heftig der Graf; ihn weißt Du gerettet, Dein Ziel hast Du erreicht! „O, wenn ich geahnt hätte", fuhr er die Hände ballend fort, „welch scheußliche Comödie man mit mir spielt, ich würde" — „Ruhe ist Dir so dringend empfohlen" unterbrach die Gräfin, „Du weißt, daß der Arzt — „Was scheert mich der Arzt" rief der Graf. „Ein Esel ist er, wenn er mir Nichts zur Linderung meiner Schmerzen geben kann! Laß ihn nicht ein, wenn er kommt! Am besten, ich reiße den ganzen Verband ab und — Erschöpft war der Kranke gerad in die Kissen zurückgesunken, als Jlka jene Depesche erhielt. — „Ach wenn der Vater jetzt käme!" sagte sie sich, am leisesten Hoffnungsschimmer haltend. „Er hat mir seit mehr als 8 Tagen nicht geschrieben! Gewiß er kommt, hat vielleicht gar, obschon ich es verheimlicht, Kunde von dem Duell erhalten!" Vor den Spiegel tretend, erschrak sie ob der Veränderung, die seit wenigen Tagen mit ihr vorgegangen. „Was wird er sagen, wenn er mich so sieht?" Um ihn nicht durch ihr verändertes Aussehen zu erschrecken — sie glaubte ja er müsse jeden Augenblick eintreteu — begann sie ihr Haar zu ordnen, die Stirnlöckchen zu richten; der Graf, der inzwischen wieder zu sich gekommen, schaute ihrem Thun verwundert zu. — „Eitles, oberflächliches Geschöpf", rief er von Neuem in Wuth ausbrechend, für wen putzt sie sich? Während ich hier meinen Schmerzen, die nur sie verschuldet, fast erliege, glättet sie die Simpelfransen und — „Dagmar, sei nicht ungerecht", unterbrach unwillig die Gräfin; — Du weißt, daß es mir fern liegt, Jemandem gefallen zu wollen; ich trage Deiner Aufregung Rechnung, sonst, bei Gott, würde ich nie solche Beleidigungen, wie Du sie heut wiederholt gegen mich ausgesprochen, ruhig mit anhören! „Du spielst Deine Nolle vortrefflich, holde Spröde", sagte ironisch der Graf. Jlka schwieg, um ihm keine Gelegenheit zu geben, sich aufzuregen; sie trat an's Fenster und weinte. — (Fortsetzung folgt.) Borträge über Moses Mendelssohn. Leipzig, 24. Januar. Anläßlich des hundertjährigen Todestages Moses Mendelssohn's und zugleich anläßlich der Umstandes, daß es am 1. Januar gerade 25 Jahre sind, daß die hiesige „Mendelssohn-Stiftung" in's Leben gerufen wurde, hatte die letztere die Idee gefaßt, dem hiesigen Publikum in einer Reihe von Vorträgen das Lebensbild des berühmten Zeitgenossen Lessing's vor Augen zu führen. Sie konnte mit Uebernahme dieser Vorträge niemand Besseren beauftragen, als Herrn vr. Moritz Brasch, den Herausgeber Mendelssohn'scher Schriften, der sich denn auch bereitwillig seiner hohen Aufgabe unterzog. Der Cyklus seiner 6 Vorträge über „Moses Mendelssohn und seine Stellung zur deutschen Cultur und Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts" nahm gestern Abend vor einem gewählten Auditorium seinen Anfang, und zwar gab Herr Dr. Brasch in fesselnder Rede zunächst eine einleitende Uebersicht über die Zeitverhältnisse des 18. Jahrhunderts, um seine Zuhörer zunächst in das Leben einzuführen, aus dem heraus sich Moses Mendelssohn entwickelt, dem er aber auch, wie Redner bemerkte, das Gepräge seines Geistes aufgedrückt hat. Redner führt im Weitern aus, daß in der ganzen Culturentwickelung des 18. Jahrhunderts drei Knotenpunkte vorhanden seien: die Aufklärung, die Popularphilosophie und der Humanismus, deren Betrachtung sein erster Vortrag gelte. Die Aufklärung habe sich auf drei Gebieten, dem politischen, religiösen und wissenschaftlichen, geltend gemacht. Habe auf politischem Gebiete vordem der absolute Despotismus geherrscht, so sei unter Friedrich dem Großen, der sich selbst nur als den ersten Diener seines Staats bezeichnet habe, der sogenannte aufgeklärte Despotismus an's Ruder gelangt, der aber doch immerhin ein Despotismus gewesen sei. Wenn daher auch in dieser Zeit die Fürsten mehr die Forderungen der Vernunft zum Maßstabe ihrer Regierung genommen hätten, wenn in Folge dessen viele große Ereignisse, z. B. die Befreiung der Schule von den Einflüssen der Kirche, die erste Grundlage des preußischen Landrechtes, die Abschaffung der Hexen-Verbrennungen, deren letzte 1729, dem Geburtsjahre Mendelssohn's, den Scheiterhaufen besteigen mußte, re. hervorgetreten seien, so habe doch immer nur das Wort gegolten: „Alles durch uns und für das Volk, aber nichts durch das Volk!" Auf religiösem Felde habe sich der englische Deismus, angeregt durch Herbert Cherbury, John Locke, Shaftesbury dem Theismus entgegengesetzt, indem er wohl auch an einen persönlichen Gott geglaubt, aber dessen enge Beziehungen zur Welt in Abrede gestellt habe. Man sei an eine Kritik des Offenbarungsbegriffes gegangen und habe an Stelle der Offenbarung die Gründe der Vernunft gesetzt. Auf kirchlichem wie wissenschaftlichem Gebiete habe man darnach getrachtet, in erster Linie die Sittlichkeit als den Maßstab der Religion hinznstellen. Auch die „Popularphilosophie" müsse nach 3 Richtungen hin betrachtet werden, nach Form, Inhalt und Umfang und Tendenz. Der Form nach sei sie als Roman, Dialog. Selbstbekenntniß u. s, w. aufgetreten, und zwar habe sie sich von * *