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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 5 (1886) · p. Seite 18

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
5 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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— 18 — schickliches beging, wenn sie das Anerbieten des Fremden ohne weiteres annahm. Ueberdies war ihr der Reiz, zum erstenmal mit einem Menschen außerhalb ihrer Sphäre und, wie sie gleich merkte, in der Sprache der Gebildeten, zu reden, so unwiderstehlich, daß sie sofort einwilligte, an seiner Seite nach Hause zu gehen. Stefan warf, etwas betreten, einen Seitenblick, auf das unbefangen neben ihm gehende Mädchen, aber das klare, kindliche Profil, die ernste, schöne Stirn und grade die Sicherheit, mit der sich ihm anvertraute, ließen keinen unreinen Gedanken in ihm aufsteigen. „Gestatten Sie mir eine Frage, mein Fräulein:" wandte er sich höflich an Lea, indem ein ihm selbst unerklärliches Gefühl ihn zwang, von dem Tone der Herablassung abzuweichen, der auch bei den besseren polnischen Edelleuten, den Juden gegenüber gebräuchlich war, „wie kommen Sie zu dieser Lectüre und wie überhaupt zur Aneignung einer in Ihren Kreisen nicht geläusigen Sprache?" „Ich weiß es nicht recht", entgegnete sie sinnend, „sie sagten zu Hause, ich wäre zu nichts anderem tauglich, ich könnte nichts rechtes leisten, und so sei es kein großer Verlust, wenn ich mich mit den Büchern beschäftige. — Aber das ist es nicht allein", fuhr sie leise, wie zu sich selbst redend fort. „Es ist schön in den Büchern zu suchen und manchmal zu finden, was man im Leben niemals begegnet: Menschen mit großen Gedanken und großen Gefühlen, die in ihrem erhabenen Flug nach aufwärts uns mit sich ziehen und besser machen. Die Natur selbst, die so unendlich reich und verschwenderisch gut ist, die Natur mit ihrem duftigen Blüthen, ihrem Vogelgezwitscher und den frisch sprudelnden Quellen, auch sie tritt uns im Buche oft schöner entgegen wie in der Wirklichkeit. Der Dichter schaut das mit ganz anderen Augen an wie unser Einer und faßt es im Bilde zusammen, an dem als Ganzes unser trunkener Blick sich weidet, während wir von den unschönen Einzelheiten, die uns begegnen, nicht selten abgestoßen werden. Doch was rede ich da", brach sie erröthend ab, „ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, oder ob das auch nur werth ist, verstanden zu werden". Stefan hatte ihren Worten mit steigendem Interesse gelauscht; ihre weiche, vibrirende Stimme berührte alle Fibern seines Herzens wie mit electrischem Schlage.- (Fortsetzung folgt.) Versöhnt: Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) „Ich bin nicht als Ihr Gast zu Ihnen gekommen," sagte abwehrend Leo Braun zum Bankier Feini. „Um so lieber ist es mir, Sie als Gast aufnehmen zu können!" Und er schenkte ihm vom ältesten Weine, den er sonst nur bei festlichen Gelegenheiten spendirte, Glas auf Glas ein, auf sein Wohl und auf das seiner Gattin trinkend. Als er selbst des Guten ein wenig zu viel schon gethan hatte und Braun sich empfehlen wollte, rief er, ihn umarmend : „Jud, bleib bei mir! Du weißt nicht, wie gern ich Dich habe! Dir zu Liebe will ich alle antisemitischen Schriften in's Feuer werfen, Du bist ein ganzer Kerl." Und Leo Braun mußte es sich gefallen lassen, von dem als Judenfeind bekannten Mann wieder und wieder geküßt zu werden; seine Worte klangen ihm wie Musik; „im Wein ist Wahrheit", sagte er sich; „vielleicht habe ich ihn wirklich von einem Vorurlheil geheilt!" So oft Braun Miene machte, aufzustehen, drückte ihn Feini jedesmal wieder in seinen Sessel nieder. „Mußt bei mir bleiben, Jud! rief er wiederholt. „Gefällst mir! Sollst mein Freund sein!" Endlich kam Dr. Sanders, um zu hören, ob die Abmachung von statten gegangen. „Sein alter Fehler! Kann kein Glas Wein vertragen. Am besten, wir lassen ihn allein; er kommt bald zu sich!" „Das Papier ist vernichtet," entgegnete, seiner Worte nicht achtend, Leo Braun. „Ich muß noch einmal in'K Comptoir, möglich, daß doch Nachrichten von ihm eingetroffen sind." „Mein Wagen wartet unten," sagte Sanders; „ich geleite Sie hin!" „Kommt bald wieder, Kinder." sagte Feini, den beiden Männern herzlich die Hände drückend; „Ihr könnt stets zu mir kommen und — Braun, wenn Du Geld brauchst, denk' daran, der Feini ist nicht der Mann, einen ehrlichen Kerl im Stiche zu lassen!" „Ein unangenehmer Patron," sagte Braun, als er auf der Straße war. „Aber doch eine gute Haut," entgegnete Dr. Sanders. „Sie haben ihm imponirt! Ich bin fest überzeugt, Sie können jetzt Alles von ihm verlangen!" „Mag ihn nicht mehr sehen!" sagte Braun, „er wird mich immer an die schrecklichste Stunde meines Lebens erinnern." „Vielleicht werden wir ihn noch brauchen," sagte Dr. Sanders nach einigem Nachdenken. „Man sagte mir Mittags an der Börse, daß Ihr Bruder ultimo circa 60 000 fl. Differenzen zu zahlen hat; — wo dieje hernehmen? Ein Concurs ist unvermeidlich. Wenn Sie ordnen wollen, scheint es mir sehr wichtig, den Credit eines Mannes, wie Feini, in Anspruch nehmen zu können!" Braun antwortete nichts. Er wollte sich weiter gar nicht in seines Bruders Angelegenheiten mischen; ihm lag nur daran, seine gefälschte Unterschrift aus der Welt zu schaffen. Im Bureau des Bruders fand er mehrere Briefe, die dringende Erledigung verlangten. Ein Börsianer mahnte um eine Differenz von 10 000 Gld. und drohte, da er nicht erfahren könne, wo Braun sei, ihn steckbrieflich verfolgen zu lassen." „Lassen Sie Dr. Sanders rufen!" sagte Leo Brau» dem Procuristen; „er muß Rath schaffen, auf solche Geschäfts- Manipulationen verstehe ich mich nicht." Sanders kam bald. Da saß er heut an eben dem Tische, von wo aus ihm Alois Braun damals die Beleidigung: „da es Ihnen doch wohl nur um Geld zu thun ist, biete ich Ihnen als Abschlagssumme 30 000 Gld.," in's Gesicht geschleudert. Ein wilder Kampf durchzuckte sein Herz. „Diesem Manne, der mich so schwer gekränkt," sagte er sich, „soll ich meinen Beistand leisten? Wahrlich, es kostet mich Ueberwindung und nur die Freundschaft für seinen Bruder kann mich bestimmen, hier das Rechte zu thun." Und nun debattirte man mit Hinzuziehung des Procuristen, ob denn in Abwesenheit des Chefs Klarheit in das Labyrinth dieser Schuldforderungen, die in den letzten Tagen von allen Seiten eingelaufen waren, zu bringen sei. Leo Braun dachte nicht daran, wie er beabsichtigt, am Abend abzureisen. Bis nach 8 Uhr saßen sie in die großen Geschäftsbücher vertieft. Ziffercolonnen ausziehend, Bilanz machend, Soll und Haben gegen einander abwägend. Mit der Rubrik „Haben" war es aber schlecht bestellt. — Zwei Häuser, die Braun hatte, waren hoch belastet, die ersten Hypotheken der Frau und der Tochter zugeschrieben. — Ein sträflicher Leichtsinn leuchtete aus der ganzen Geschäftsgebahrung hervor. An zweifelhafte Unternehmungen hatte Braun sein Geld gewendet, wiederholt Fiasco gemacht, als er Hunderttausende bei der Gasgesellschaft in Bombay, eine halbe Million beim Bau der Smyrna-Bahn verloren. Strousberg's Freundschaft hatte ihn gleichfalls Unsummen gekostet, sein Haus war mit fürstlichem Aufwand geführt worden, — bekäme das Gericht Einsicht in die ganze Ge-

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