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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 5 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
5 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches 188«. Herausgegeben von vr. Rahmer in Magdeburg. Inhalt Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agalhc Meiscls. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortl setzung.) — Vorträge über Moses Mendelssohn. — Allerlei für den Familientisch: Neber Johann Jacoby. — Polnische Logik. — Aus der Schule. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung). Bald sollte cs sich Herausstellen, daß, trotz langjähriger Entfernung, gar keine Veränderung in ihrem gegenseitigen Verhältnisse eingetretcn war. Der Vater, weit entfernt der Reife und geistigen Selbstständigkeit des Sohnes Rechnung zu tragen, suchte ihn, nach wie vor, am Güngelbande alter Gewohnheit zu führen, hänselte ihn ob seiner neumodischen Studien, zog heftig gegen jede, trotz des Zwanges gelegentlich sich äußernde, freiheitliche Regung zu Felde, deren Bethütigung er aufs schärfste verbot; und der Sohn, der grämlichen Bevormundung seit langen Jahren entwöhnt, konnte und mochte das stolze Haupt unter das alte Joch nicht beugen. Anfangs hielt ihn die durch Routine erlangte Feinheit der llmgongsformen in Schranken; bald aber durchbrach seine heftige Natur jenen künstlichen Damm. Es kam zu wiederholten Disputen, die im Wortwechsel ausartcnd, zu so unliebsamen Scencn sich steigerten, daß der in Stefan aufkeimende Wunsch binnen kurzem zum unabweisbaren Verlangen wurde, der kaum betretenen Heimstätte wieder den Rücken zu kehren. Nach einer dieser Scencn eilte er einst in's Freie, um z wischen wogenden Kornfeldern das erregte Blut zur Ruhe zu zwingen. Auf einsamen Wegen stürmte er dahin, es grollte und tobte in seinem Innern, der schäumende Zorn ließ ihn die Fäuste ballen. Er kämpfte mit einem verzweiflungsvollen Entschluß, dieser Zustand mußte ein Ende nehmen, mußte abgeschüttelt werden, so oder so. — Bald indeß erstarb die wilde Wuth an ihrem eigenen Uebermaß, die Stille der friedlichen, sonnigen Umgebung machte ihren Einfluß geltend, hemmte den Lauf der Füße und die Raserei des Gedankens. Im langsamen Dahinwandeln konnte er jetzt mit tiefer Trauer, aber ohne Bitterkeit, des trübseligen Verhältnisses zu seinem Vater, der Oede seines Herzens gedenken. Ein inniges Mitleid überkam ihn mit sich selbst, ob seiner freudlosen Jugend, seines eingedämmten Thätigkeitsdranges, der inneren Leere der kein Inhalt, dem wühlenden Liebesbedürfniß, dem kein würdiges Objekt vergönnt war. In tiefes Sinnen verloren, merkte er nicht, daß er am Rande des Waldes gelangt war, der an der äußersten Grenze der väterlichen Erbgüter gelegen, diese von Städtchen Z. trennte. Die lauschige Stille, das Waldesdunkel zogen ihn wie mit weichen Armen hinein, immer tiefer gerieth er in den grünen, von den hohen Baumkronen gebildeten Dom, immer feierlicher umfing ihn die heilige Ruhe desselben, bis er plötzlich von einem seltsamen Anblick gefesselt, wie festgewurzelt stehen blieb. & Am Fuße einer hohen Buche, lehnte im weichen Moose, ein junges Mädchen, das, den Kopf in die Hand gestützt, still vor sich hinträumte. In seinem Schooße lag ein aufgeschlagenes Buch und einige Waldblumen, die es spielend durch die weißen Finger gleiten ließ. So weltfremd und selbstvergessen blickte das Mädchen vor sich hin. so malerisch war, in seiner vollkommenen Absichtslosigkeit, die Lage des Körpers und so umwehet von einem Dufte unbewußter Poesie, daß die Phantasie des jungen Mannes, durch die vorhergehende Erregung gleichsam vorbereitet, in der Erscheinung nichts anderes, denn eine Sylphide, eine von den Genossinnen sich absondernde Waldnymphe zu schauen wähnte. Und als er näher tretend in der ruhenden Gestalt, aus gewissen Eigenthümlichkeiten der Tracht, ein simples Judenmädchcn erkannte, ward sein wortloses Erstaunen, wo möglich, noch gesteigert. Natürlicher hätte seiner abenteuernden Einbildungskraft an dieser Stelle die Anwesenheit eines fabelhaften Lustgebildes gedünkt, das vor seinen Augen in eitel Aether zerfließen würde, als das der realsten Wirklichkeit entstammende Judenkind, das träumend, lesend, mit Blumen spielend im Walde lag. Stefan kannte von den Juden seiner Nachbarschaft nur diejenigen, die in Geschäftssachen zum Grafen kamen und vor dessen vernichtendem Blicke sich krümmten, und wenn er auch die hocharistokratische Verachtung seines Vaters nicht theilte, so konnte er doch nur den Begriff schmutzigen Gelderwerbes und kriechender Schlauheit mit jener Menschenklasse indentificiren. Das Mädchen erwachte jetzt aus seinem Halbschlummer und wie es von ohngefähr den Kopf erhob, ward es des aufmerksamen Beobachters plötzlich ansichtig. Aufspringen und von dannen rennen, war Lea's — denn sie war es — erste Regung. Bald aber schämte sie sich ihrer kindischen Furcht und kehrte langsam zurück, um ihr durch die schnelle Bewegung entglittenes Buch, mitzunehmen. Stefan hatte es bereits vom Boden aufgehoben und nicht gering war seine Ueberraschung in demselben ein Originalwerk von Niollslstz, „le peuple“, zu erblicken. Mit verdoppelter Neugierde schaute er jetzt in das schmächtige, von einer Hellen Gluth übergossene Antlitz des Mädchens, das mit ausgestreckter Hand schweigend ihr Buch zurückforderte. Wir wissen es, dies Antlitz war nicht schön, selbst das durch die Bewegung erhöhete Colorit konnte die kindliche Unfertigkeit der Bildung, die Ecken und Kanten nicht ganz verhüllen, doch aber fühlte sich Stefan mächtig angezogen durch den Zauber holder Naivetät und unschuldsvoller Jungfräulichkeit, den die ganze Gestalt athmete. „Erlauben Sie, mein Fräulein, liebes Kind", sagte er etwas verlegen, „daß ich Sie frage, wie Sie hierher gerathen, vielleicht verirrt?" Er der gewandte Salonmann konnte anfangs den richtigen Ton nicht finden, bald aber gewann er seine Sicherheit wieder und fuhr scherzend fort: „Wenn Sie wirklich nicht etwa eine Waldnymphe sind, wie ich vorhin wähnte, und dieser Wald nicht ihre heimische Domäne, so werden Sie mir vielleicht gestatten, Ihnen meine Ritterdienste anzubieten und sie heimzugeleiten; denn ein Geschöpf von Fleisch und Blut kann sich nicht leicht in dieser grünen Wildniß zurechtfinden". Lea, unbekannt mit den Anstandsforderungen der Welt, hatte nicht im entferntesten eine Ahnung, daß sie etwas Un-

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