Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 3 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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r 14 — ffst- ,.v . grauen, kalten Augen, dem Anschwellen der Zornesader auf der hohen Stirn mußte er es gleich merken, daß er zu weit sich vorgewagt und mit dem feurigen Jünglingstemperament des weißhäuptigen Greises nicht gerechnet hatte. Der Graf hatte einen einzigen Sohn, dessen Charakter eine seltsame Mischung der väterlichen und mütterlichen Eigenschaften darbot. Von ^dem Vater hatte er die Festigkeit des Willens, .die eiserne Consequenz und Ausdauer, den schnell entflammten Muth, überhaupt die unbändige Heftigkeit des Naturells ererbt, doch war dieses gedämpft, in Schranken gehalten durch die Weichheit der Empfindung und Gemüthstiefe die er von der sanften Mutter überkommen hatte. Ihr allzufrüher Tod steigerte die Liebebedürftigkeit des Knaben zu einer nahezu krankhaften Sensitivität, die nun, wo er in seiner unmittelbaren Nähe keine Nahrung für dieselbe fand, sich auf die gesammte Menschheit erstreckte: ihrem Dienste wollte er die besten Kräfte, die ganze Gluth seines Herzens weihen. Der Vater, obwohl selbst in jugendlicher Wallung noch auflodernd, hatte gleichwohl kein sympathisches Verständniß für die sprühenden Begeisterungsflammen des Jünglings; seinen edlen, großen Zielen zustrebendem Enthusiasmus taxirte er als hirnlose Kinderei, und die geistige, mehr noch als die moralische Verschiedenheit Beider, die auf Schritt und Tritt zu Tage tretende Divergenz in Anschauungs- und Denkweise, durch die milde Frauenhand nicht mehr vermittelt und ausgeglichen, erzeugte eine Entfremdung, die die Härte und Schroffheit des Vaters zu einer schier unüberbrückbaren Kluft weiten sollte. Schon während der Erziehung, die der Graf von Haus? lehrern unter seiner persönlichen, strengen Leitung besorgen ließ, wehrte sich der Knabe, mit aller Macht, gegen Zügel und Halfter, die die jache Gewalt einzudämmen bestimmt waren. Und als ihm nach Beendigung des Unterrichtes, sein Lieblingswunsch, zur weiteren Ausbildung nach Paris zu gehen, — dem Eldorado der jungen polnischen Edelleute — von dem in orthodoxen Traditionen befangenen Grafen vereitelt wurde, da steigerte sich der im geheimen grollende Zorn des Jünglings zu offener Empörung. Er entfloh der väterlichen Zucht und der einengenden Gemarkung des Heimathlandes, und es bedurfte vieler Jahre, bis die Wunde, die der Verwegene der väterlichen Autorität geschlagen, so weit vcrharrscht war, daß die vereinigte Intervention von Verwandten und Freunden es über den Grafen vermochte, den verlorenen Sohn wieder in Gnade unter dem Dache seiner Altvordern aufzunehmen. In dem modernen Babel, wo der Jüngling bis dahin weilte, hatte er dem verschleierten Bilde der Wahrheit und dem entschleierten der Schönheit auf allen Wegen und Stegen nachgespürt, hatte aus allen Quellen geschöpft und mit gleicher Gier den frischen Labetrunk der Erkenntniß und den vergiftenden Becher der Freude an seine Lippen gesetzt. Gleich heimisch in dem Labyrinth wissenschaftlicher Forschung und auf dem glatten Parquet des Salons, ebenso gewandt in der Lösung verwickelter Geistesprobleme, wie in der eleganten Abfassung eines durchdufteten, rosigen dillst-äoux, so kehrte Stefan erhobenen Hauptes, elastischen Schrittes zu den heimischen Pünaten zurück. Allgemeines Aufsehen in der Nachbarschaft erregte, die geschmeidige Gestalt, der das pariser, von aller Geckenhaftigkeit entfernte Modecöstüm gar wohl zu Gesichte stand, und selbst die strenge Stirn des Vaters entfurchte sich und ein blitzartiges Aufleuchten des Auges bekundete die innere Freude, über die schöne, kraftstrotzende Erscheinung. Stefan war entzückt von dem unerwartet freundlichen Empfang und unter diesem Eindrücke erzählte er mit gewinnender Offenheit und Frische seine Erlebnisse in der heiteren Seinestadt. Ein Lächeln umspielte den sonst fest geschlossenen Mund des Grafen und wohlgefällig kräuselte er den grauen Schnurbart, als der junge Mann von seinen galanten Abenteuern, seinem stürmischen Siegeslauf in der Rennbahn, den spielenden Eroberungen im Damenboudoir berichtete. Doch wie er von seinen Streifzügen Auf/dem Gebiete der modernen Forschung, den akademischen Errungenschaften, den ernsten Ergebnissen seiner Gehirnthätigkeit zw reden begann, da umwölkte stch urplötzlich die Stirn des Hörers und ein Leises Hüsteln, ° ein verächtlicher Zug um die Mundwinkel verrieth das kaum niedergehaltene Mißbehagen. Stefan fühlte, 'daß ek im Fluß der Rede seine Schwäche oder vielmehr Stärke unbedacht enthüllt hatte und daß ihm der kaum gewonnene Boden unter den Füßen zu entschlüpfen drohe; verstimmt zog er sich auf sein Zimmer zurück. , --;- (Fortsetzung folgt.) ÄersShnt r M Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) „Nehmen Sie Vernunft an, Schwägerin," sagte Leo - Braun ernst. „Jede Minute ist wichtig! Sie haben keine Zeit zum Ueberlegen! Folgen Sie meinem Rath! Es muß sein." „O, ich überlebe das nicht!" rief die fassungslose Frau. „Was habe ich gesündigt, daß das Unglück mich mit solcher Gewalt packt!" Der Schwager hatte schon eine Entgegnung auf den Lippen. „Du hast Deinen Gott verleugnet," wollte er ihr zurufen, „um eitlen Ehrgeizes willen Deinen Glauben abgeschworen, Dein Kind unglücklich gemacht!" doch er bezwang sich. „Ich komme in einer halben Stunde wieder," sagte er,, „da ich selbst mit dem Chef jenes Hauses verhandeln muß! Inzwischen werden Sw zur Raison gekommen sein, hoffe ich; ich bringe einen Taxator mit, der Alles, was Ihnen entbehrlich, übernehmen und zu Geld machen soll!" Frau Rachelle wollte Etwas entgegnen, doch sie sank ohnmächtig zusammen. Ohne sich weiter um die in seinen Augen ehrlose Frau zu kümmern, verließ er das Zimmer, draußen der Kammerfrau mittheilend, daß die Herrin ihrer bedürfe. III. Der Antisemit. Leo Braun war in Begleitung Sanders zum Bankier gegangen, der den Wechsel besaß. Als er zurückkehrte, fand er die Schwägerin in ihren' seidenen, mit Spitzen bezogenen Betten, hinter echten Spitzen- Vorhängen noch immer die Rolle der eitlen Weltdame spielend, die sich nicht vou ihren Schätzen trennen wollte. Ihrer Lamentationen nicht achtend, sagte Leo Braun: ' „Schwägerin, ich habe einen schweren Gang gethan! den schwersten meines Lebens. Wie nur je zu meinem Gott, habe ich zu diesem Manne gefleht, Nachsicht zu haben und das faifc accompli nicht der Oeffentlichkeit mitzutheilen. Ich allein hätte nichts bei ihm erreicht; ein Mann, den Sie wie' einen räudigen Hund von sich gestoßen, den Sie um sein. Lebensglück betrogen, er hat es durch eindringliche Vorstellungen ermöglicht, daß Feini schweigen will. Dieser Mann ist vr. Sanders. Ihm danken Sie, daß Sie nicht morgen in den Zeitungen lesen —" „Schonen Sie meiner," bat Frau Rachelle, ihre Thränen trocknend. „Sie wissen," fuhr Leo Braun, ihrer Bitten nicht achtend, fort. „Feini ist Antisemit reinsten Wassers; er lechzt darnach, dem Juden Braun — denn trotz der Taufe sucht er in ihm nur den Juden — einen Denkzettel zu versetzen und der ganzen hiesigen Judenschaft ein Brandmal anzuheften, indem er eines ihrer zeither angesehensten Mitglieder einer That beschuldigt, deren sich eben kein anständiger Mann schuldig macht. Sanders sagte ihm, daß Sie das Opfer bringen^ aus Alles, auf Ihr Letztes, Verzicht zu leisten, um - die Schände von der Familie abzuwenden, daß ich gleichfalls mein Vermögen hingebe, auch das meiner Kinder, um jenes verhängnißvolle Papier einzulösen, daß, falls er nicht auf ' einen Ausgleich eingehe, er mit gebührender Schärfe in der