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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 3 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
3 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Zur Uuttthallinlg«. Kelehrung für die israetitischr Jugend. *=t* Aüdisches Herailsgtgeben von vr. Rahmer in Magdeburg. Festliche Begrüßung der „Lessing-Loge" in Breslau an ihrem ersten Stiftungsfeste am 11. Januar er. von ihrem Präs. Albert Pciser. Seiet mir Brüder gegrüßt zur heutigen festlichen Feier, Heut' aus bewegtester Brust ruf' ich „Willkommen" Euch zu; Scheint es doch wahrlich ein Traum, wenn ich die Zahl der Genoffen Und de» festlichen Raum lenzesgeschmückt vor mir seh'; — Rings umstuthet uns Licht, und Licht auch dringt in die Herzen, And waS das Herz uns bewegt, giebt in dem Antlitz sich kund. Denn es schweifet der Blick auf jüngstvergangene Zeiten, Meffend den spärlichen Raum rasch jenes Tages bis heut, Blerbet dann haften beim Bild, das hier sich uns darstellt u. staunend Fraget der Bruder den Freund: „Ist denn ein Wunder gescheh'n?" Sehet, es reichten die Hand sich damals nur wenige Genoffen, Bauend auf eigene Kraft, trauend dem eigenen Muth, Treu zu erfüllen das Wort, das begeistert der Dichter uns zuruft: „Edel sei immer der Mensch, hilfreich sei er und gut!" Doch es eilten herbei die Männer gleicher Gesinnung And den Genoffen gar bald einete sich der Genoß. — Stolz umffattert uns nun das Banner, das unseren Wahlspruch: ,W ohlthun,Eintracht und L i e b'", weifet in goldener Schrift;— Weithin leuchtrt sie hell, und mählich zum frredlichen Heerbann Eint sie die Jünger um sich, wächst der Begeisterten Schaar. Fern wohl liegt noch das Ziel, doch löblich ist unser Ringen, Den« wer das Höchste erstrebt, ihm schon gebühret der Kranz, vorwärts darum auf der Bahn, die wir, meine Brüder beschritten, Stteben der Palme wir zu, die aus der Ferne uns winkt! — Wohlthun. Eintracht und Liebe! Ein Heiligthum fei diese Dreiheit, And ans ihrem Altar opfern wir willig und gern. — Aber dem Ernst, nicht allein, der heiteren Göttin der Muse Weigern wir nicht den Tribut, schlinget ein lichtvolles »and Sie doch um uns, — und es nah'« die Gefährtinnen unseres Lebens, Rehmen huldreichen Sinns hin, was die Göttin uns beut. Za sie selber die Fran'n, bewährt in den Künsten der Musen, Greifen zur Leier und süß tönen die Lieder Apolls. — Also belebet Ein Geist, — durchdringt Ein Gefühl Aller Herzen And das eigne Gesetz findet unS einrg und stark. ^eil Euch «rüder, und Heil fei fürder befchieden dem Bunde, eppig sprieße empor, die wir hier streuen, die Saat! stll ans der Zukunft Schvoß ersteh' uns die Sonne de- Glückes tnd sie lächle uns stets! — Also walte es Gott! — Die Prinzessin. 14 Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung). Ein Jahr und wieder eines schwanden dahin; in dem Leben und Treiben Lea's trat keine Veränderung ein. Zweimal hatte sie seither die Fessel, die man durch eine unpassende Ehe ihr aufbürden wollte, mit einem energischen Ruck abgeschüttelt. Die Leute im Orte gelangten zu der Ansicht, die bei der Fachgenosscnschaft der Heirathsvermittler zum Entschlüsse gereift war, daß man ihr überhaupt keine Parthie mehr antragen sollte, weil sie, ganz abstrahirt von ihrem schlechten Willen, auch in dieser Sache zu den Prädestinirten gehöre, die das böse Verhängmß in sich tragen. Saglelt die m abergläubischen Schrullen und Vorurtheilen befangenen Kleinstädteriw'jentzn Kreisen, von einem Menschen aus, daß er „kein Glück" besitze, so war das ein für seine bürgerliche Stellung vernichtenderes Stigma, wie wenn sie über seinen moralischen Lebenswandel den Stab gebrochen hätten. Der also Gekennzeichnete, war ohne jegliches Verschulden seinerseits, in die Acht gethan, und jeder hütete sich, aus Furcht vor Uebertragung des Unheiles, mit ihm in nähere Beziehung und in seinen Bannkreis zu treten. Wieder verdankte Lea dem blinden Unverstand und der mangelhaften Beurtheilung ihrer Umgebung, daß sie bei der nach so und so vielen Stürmen eintretender Windstille jverhältnißmäßig unbelästigt ihren einsamen Pfad wandeln konnte. Die Eltern verzichteten schweren Herzens, auf das Vorrecht, das Geschick ihres Kindes, nach ihrer überlegenen Erfahrung zu modeln, und überließen der directen Intervention der Vorsehung die wie immer geartete Lösung. — Und kommen sollte diese auch, aber freilich in ganz anderer Weise als sie es gedacht oder nur für möglich gehalten hätten. In der Nähe von Z. lag ein großes Gut, dessen Besitzer zu dem ältesten Land-Adel, der sogenannten Schlacht«, zählte. Graf Willogorski war vom reinsten Blaublut, und hatte vierzehn Ahnen in seinem Stammbaum, den er nicht um eine Königskrone vertauscht hätte. Für ihn war die Revolution von 1789 mit ihrer in blutigen Lettern verzeichnten Erklärung der Menschenrechte, ein leeres Blatt in der Geschichte; der Mensch galt ihm nur dann etwas, wenn er mindestens 5 Ahnen aufzuweisen hatte und in dem Schooße der alleinseeligmachenden. katholischen Kirche sich befand. Von den Gutsnachbarn verkehrte er nur mit denen, die der exclusiven Pattizierklasse angehörten, die anderen, welche durch selbsterworbenen Reichthum oder durch besondere Glückszufälle zum Grundbesitz gelangt waren, ignorirte er vollständig. Die Juden, deren es in seiner Nachbarschaft so viele gab und die ehedem in Polen den eigentlichen tisro-ätat, den Kern des Kaufmanns- und Bürgerftandes, bildeten, betrachtete er als eine ganz untergeordnete Race, von der Vorsehung einzig und allein dazu geschaffen, um dem Adel in verschiedenen Lebensbeziehungen, in aller Devotion, an die Hand zu gehen, gut genug als Faktoren, Unterhändler, Zwischenhändler gebraucht zu werden, außerdem aber ohne jede Existenzberechtigung. Mit souveräner Geringschätzung blickte Graf Willogorski auf die „neue Zeit", deren philosophischen, naturwissenschaftlichen, liberalen Bestrebungen er nicht nur ohne jedwedes Verständniß, sondern geradezu gehässig, feindselig gegenüberstand. In seiner Jugend hatte er für seine beiden Ideale, Vaterland und Kirche, mit mächtiger Hand die Lanze geschwungen; nun, wo ihm das Alter die Waffe aus der eisernen Hand gewunden, war die jugendliche Kraft gleichwohl aus dem militärisch strammen Körper nicht gewichen und der Wille so starr und unbeugsam wie in den Tagen stürmischen Dranges. Das konnte Jeder wahrnehmen, der es etwa wagte, in Gegenwart des greisen Schlachzig von individueller Freiheit. Gleichberechtigung der Stände, Unabhängigkeit des Denkens zu sprechen: an dem Aufblitzen, der

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