Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 3 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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11 — Als Leo Braun des andern Tages in Pest eintraf, fuhr rr direct am Hause seines Bruders vor. Obschon mit ihm .entzweit, zauderte er keinen Augenblick, für ihn einzutreten, Ms er nicht da sei, oder ihm seine Hilfe anzubieten, wenn er rathlos. „Alois," so hieß es, „sei auf einige Tage verreist;" wohin wußte man nicht. — Der Procurist trat ihm mit verstörter Miene entgegen. „Wir sind verloren!" sagte er ihm, ihn in das Privat- Comptoir führend; „Herr Braun weiß schon seit Wochen nicht aus, nicht ein. Bis jetzt zwar ist er allen seinen Verbindlichkeiten nachgekommen, indeß" — er stockte — „Reden Sie offen," sagte Leo Braun, „ich weiß Alles, wenngleich nicht von meinem Bruder, und bin gekommen, die Ehre unseres Namens zu wahren!" „Dazu sind," entgegnete der Procurist, „unbedingt 120.000 Gulden nöthig. — Der Chef des Hauses, der das fragliche Papier in Händen hat, wird vielleicht schweigen, wenn er sein Geld bekommt." „Wissen Sie, daß keine anderen derartigen Papiere in Umlmrf-sind?" unterbrach Leo Braun. * n „Ich glaube es mit Bestimmtheit versichern zu können!" entgegnete der Procurist. Der Chef hatte in den letzten vierzehn Tagen enorm viel Börsendifferenzen zu zahlen, da er zeither ä la hausse speculirt und Alles bergab ging; gerade -als er umsattelte und a la baisse speculirte, änderte sich die Tendenz an der Börse und die Papiere stiegen. Es kam Schlag auf Schlag. Der Graf schrieb um 20.000 Gulden, die ihm unverzüglich gesandt werden mußten, der junge Herr hatte zwei Wetten verloren, aus Alexandrien gingen keine Gelder ein, wohl aber die Nachricht, daß drei unserer Schiffe, die vor Anker lagen, verbrannt seien, das Alles muß den streng reellen Herrn wohl verwirrt haben, als die Firma Fein & Comp. Zahlung verlangte. Er hoffte, daß seine Börsen- Operationen sich günstiger gestalten würden, daß er das Accept —" „Ich verstehe," unterbrach ihn in heftiger Erregung Leo Braun; „haben Sie keine Spur, wohin er sich gewandt haben kann?" „Irre ich nicht, so ist er bereits auf der Fahrt nach Amerika," sagte der Procurist. Beide Männer schwiegen eine Weile. „Haben Sie die Schlüssel zur Kasse?" fragte Leo Braun. „Nicht die zu Privat-Chatulle!" „So lassen Sie öffnen! Wir müssen klar sehen, ob ich, wenn ich schon das Opfer bringe, größeres Unglück verhüten kann!" — „Sie wollen wirklich?" fragte, wie vor einem Wunder stehend, der Procurist. „Thun, was meine Pflicht ist!" entgegnete ernst Leo Braun. — Jetzt öffnete sich die Thür und einer trauernden Niobe gleich, trat Frau Rachelle ein. „Schwager, theurer Schwager!" rief sie in Thränen ausbrechend; „Sie hier? Hat Ihnen Alois vielleicht mitgetheilt, daß — daß —" „Nlcht er," unterbrach, die krampfhaft zitternde Frau zu einem Divan geleitend, Leo Braun, „ich erfuhr das Unglück von meinem Freund Simon Levy und bin gekommen, Ihnen meinen Beistand anzubieten und zu helfen, wenn noch Hilfe möglich!" „Tausend, tausend Dank für diese Worte!" rief tief gebeugt die sonst so stolze Frau. „In der Noth erkennt man seine wahren Freunde," setzte sie unter Thränen hinzu. „D Gott, was habe ich seit gestern erduldet! Alle Folterqualen der Hölle sind nichts im Vergleich mit dem, was ich gelitten!" „Und auch Sie wissen nicht, wohin Alois sich gewendet*" unterbrach Leo die Lamentationen. „Nichts weiß ich!" entgegnete, immer heftiger weinend, die unglückliche Frau, „nicht, wohin er ist, nicht, daß er.. ." das häßliche Wort wollte nicht über ihre Lippen. —- „Vielleicht weiß Norbert, wo er sich aufhält?" forschte Leo Braun. „Norbert ist seit vier Wochen mit uns entzweit," entgegnete Frau Rachelle; „er schreibt nur, wenn er Geld braucht!" Inzwischen war der Schlosser gekommen; Leo Braun empfahl ihm strengste Discretion. „Die ist selbstverständlich!" sagte trocken der einfache Mann. Als er geöffnet, durchstöberte Leo in Eile jene Fächer, die sein Bruder sich privatim reservirt. Alles in Allem waren 3000 Gulden auffindbar, kein Brief, keine Weisung, keine Angabe der noch schwebenden Börsen-Engagements. „Ueber wie viel Geld verfügen Sie?" fragte Leo seine Schwägerin. Frau Rachelle nannte eine kleine Summe; ihre Loose, auch die der Kinder, hatte sie Alois in voriger Woche übergeben. — „Welchen Werth hat Ihr Schmuck, Ihr Tafelservice?" fragte der Schwager weiter. „Weshalb fragen Sie?" entgegnete Frau Rachelle. „Weil wir es zu Geld machen müssen!" sagte ernst Leo Braun. „Auch das noch!" jammerte händeringend die aufgeregte Frau. — „Nein, komme, was da kommen mag!" ries sie überlaut, „von nieinen Kleinodien trenne ich mich nicht!" „Ist der gute Name nicht ein theuerers Kleinod?" fragte eindringlich Leo Braun. „Was nützen Ihnen Ihre Brillanten, wenn man mit Fingern ans Sie weisen und sagen wird: ,Das ist die Frau des Fälschers!" „Halten Sie ein!" rief, fast ohnmächtig werdend, Frau Rachelle; „ich überlebe diese Schande nicht!" „Sie müssen Ihr Unglück mit Würde tragen," mahnte Leo Braun. „Entäußern Sie sich Alles dessen, was Ihnen nicht unumgänglich nöthig, machen Sie es zu Geld, das fehlende lege ich zu — nnd auch ich werde mein Letztes opfern, aber der Name Braun muß rein dastehen" „Ist die Angelegenheit mit Fein geordnet, so muß Alois zurückkehren, sich mit seinen Gläubigern einigen; und wenn er auch erst nach Jahren seine Schulden tilgt. Jeder wird ihm warten, aber —" „Sie meinen, daß er accordire?" unterbrach Frau Rachelle. ' Der Schwager bejahte. „Und daß ich —" „Daß Sie Ihr Haus, Ihren Schmuck, Ihr Silber, Ihre Gemälde, Ihre theueren Shawls, Alles verkaufen, was —“ „Da müßte ich ja eine Närrin sein!" unterbrach auffahrend Frau Rachelle. „Nur eine rechtschaffene Frau!" entgegnete streng Leo Braun. „Macht all' der Plunder Sie glücklich? Ersetzt er Ihnen den ehrlichen Namen?" — „Hier," sagte er, mit feierlichem Ernste seine Brieftasche auf den Tisch niederlegend, „hier gebe ich Ihnen mein und meiner Kinder Vermögen; es sind netto 80,000 Gulden. Wenn ich heimkehre, bin ich ein armer Mann; ich werde jetzt, da mein Haupt grau ist, von Neuem anfangen müssen zu erwerben! Ich, wie mein Weib, wir haben keinen Augenblick gezaudert, was zu thun sei; es lebt ein Gott in der Höhe, der uns nicht verlassen wird! — An Ihnen ist es jetzt, das Fehlende zu ergänzen, damit Fein befriedigt werde. „Auch das noch!" schluchzte, sich die Haare zerraufend, Frau Rachelle. „O Gott!" jammerte sie, „bin ich nicht genug gestraft, daß ich die Schande erleben muß!" „Sie können aber die Schande abwenden, wenn Sie sich dessen entäußern, was —" „Um dann als Bettelweib dazustehen?" (Fortsetzung folgt.)