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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 3 (1886) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
3 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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— 10 — es wäre bei ihr im Kopfe nicht alles in Ordnung; daher auch ihre Unnahbarkeit, das viele Lesen, die einsamen Spaziergänge. Die Anderen behaupten schlechtweg, sie sei einfach ungerathen und verstockt, und man müsse sie nur streng in's Gebet nehmen, um ihren Trotz und Eigenwillen gründlich zu brechen. (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! Original-Roman von Jda Barber. H. Brüderlich. Wie ein Verzweifelter lief Leo Braun voraus, direct auf das Telegraphenamt. Noch konnte er das Unfaßbare nicht für Wahrheit annehmen. Flüchtig warf er einige Zeilen auWapier und übergab sie dem Beamten. Er wollte die Rückantwort im Bureau abwarten, doch die Seinigen waren ihm schon nachgeeilt und bestürmten ihn mit Fragen, was vorgefallen. „Fragt mich nicht," sagte er verstörten Blickes; soeben habe ich zum ersten Male in meinem Leben und auch nur, weil mir die Besinnung geschwunden, am Schabbes zur Feder gegriffen. Gott wird mir die Sünde verzeihen, ich wußte nicht, was ich that!" — Alle schienen verstört. ' Frau Rosa suchte den Gatten mit klugen Worten zu überreden, ihr seinen Kummer mitzutheilen. <sie sah, wie schwere Schweißtropfen auf seiner Stirne lagerten und mahnte zur Heimkehr. Als ob er der Stütze bedürftig wäre, legte er seinen Arm in den ihren und sagte nur wiederholt: „Glauben kann ich es nicht!" Zu Hause angelangt, begab er sich allein in sein Zimmer. „Fragt mich nicht," sagte er wieder, die Seinigen abwehrend; „ehe ich nicht Gewißheit habe, mag ich vom eigenen Bruder nicht —", Thränen erstickten die Stimme des ernsten Mannes. i In der Eile hatte er an einen Buchhalter im Geschäfte des Bruders telegraphirt, durch den er sonst immer von Allem, was dort passirte, unterrichtet worden Es däuchte ihm eine Ewigkeit, bis der Telegraphenbote endlich die Nachricht brachte: „Heut 5 Uhr Falsificat entdeckt; Betrag nur 120.000 Gulden. Chef unauffindbar. — „Also doch!" sagte er. stieren Blickes das Papier betrachtend. „Selbst davor schreckte er nicht zurück!" Schwer, daß es dröhnte, fiel ihm der Kopf auf beit Tisch. „Du mußt ihn retten", tönte es in ihm, „wenn auch nicht seinetwegen! Die Familien ehre steht auf dem Spiel! Du bist es dem Andenken Deines in Gott ruhenden Vaters schuldig, daß sein Name rein bleibt! Im Grabe würde er die Schande empfinden und keine Ruhe haben, bis die Schmach, die man ihm angethan, getilgt ist!" — „Doch was thun?" fragte er sich. Selbst wenn ich nach Pest fahre, ich bin ein Fremder dort im Geschäft, weiß nicht, welch' andere Verbindlichkeiten er eingegangen, ob ich ihn retten kann, und wenn ich mein Alles hingebe!" Er hörte nicht, daß wiederholt an der Thür geklopft wurde. — „Vater!" rief Dr. Lehner, „auf ein Wort! Ich muß Dich sprechen!" Als Leo Braun öffnete, traten all' die Seinigen ein, ihn beschwörend, sein übervolles Herz durch Mittheilung zu erleichtern. „Du mußt ihm helfen," sagte Frau Rosa zuerst, nachdem der Gatte ihr in abgebrochenen Sätzen. Alles mitgetheilt. Sein Name ist der Unserige; ich rathe Dir, heute noch mit dem Nachtzuge hinzufahren; sieh', was Du thun kannst, um zu verhüten, daß man davon spricht." — „Frau!" sagte Leo Braun, „willst Du auf Alles, was wir besitzen, verzichten? 120.000 Gulden! Bedenke, es ist mehr, als das, was wir mühsam in 20 Jahren erworben!" „Gott wird weiter helfen!" sagte, ohne zu überlegen, Frau Rosa. „Der ehrliche Name ist mehr werth, als Geld und Gut." — „Sanders. Du begleitest mich," sagte nach kurzer Ueberlegung Leo Braun. „An einen Fremden kann ich mich dort nicht wenden; Du mußt mir helfen zu ordnen, wenn noch möglich ist, etwas zu —". „Gern! Gern!" unterbrach, aller Unbill, die er durch Alois Braun erfahren, vergessend. Dr. Sanders; „ich begleite Sie; in zwei, drei Tagen wäre ich ja ohnehin nach dort gefahren; es wird mir Gewiffenssache sein, Ihnen mit besten Kräften zu dienen!" Dr. Lehner wollte Einwendungen machen, daß die Reise vielleicht auch bis morgen Abend verschoben werden könne. „Auch daran habe ich gedacht und, mein Sohn," entgegnete der Vater, „Du weißt, ich halte Gottes Wort in Ehren, aber nachdem ich reiflich mit mir zu Rathe gegangen, — ich muß, so schwer es mir wird, diesmal vom göttlichen Gebot abweichen! Es steht zu viel auf dem Spiel! Das Unglück, das ich morgen vielleicht noch im Keime ersticken kann, ist einen Tag später riesengroß angewachsen, es kann Gottes Wille nicht sein, daß ich, um eine Satzung zu befolgen, die Ehre der Familie hintansetze. — Ich rechne auf seine Vergebung eben so sicher, wie ich selbst es mir nie vergeben würde, in so wichtiger Angelegenheit zu zaudern! Uebrigens ist niche Moses Mendelssohn auch in einem dringlichen Falle an einem Sonnabend mit Erlaubniß des Berliner Rabbiners nach Potsdam gefahren?" — Ohne Dr. Lehners Antwort abzuwarten, eilte Leo Braun hinaus; er schloß den Geldschrank auf, steckte verschiedene Papiere zu sich, seine Brieftasche, Geld und Geldeswerth und verließ eine Stunde später, begleitet von Dr. Sander, das Haus. — „Gott sei mit Euch!" sagte Frau Rosa; wir werden beten, daß sich noch Alles zum Guten wende!" — Als sie allein war, fühlte sie, daß die so mühsam erzwungene Fassung sie verlassen wollte. „Leah!" sagte sie, in Thränen ausbrechend, „ich that, was ich mußte, und rieth dem Vater, Alles zu opfern, um seinen Familiennamen zu wahren; wie aber, wenn wir arm und —" „Mutterlieb!" unterbrach die Tochter, die Weinende in ihre Arme schließend, „Du wirst Dich nie von uns verlassen fühlen. Bleibt Dir nicht die Liebe der Deinigen, die Achtung Aller, die Dich kennen? Das Geld, das da im Kasten liegt, ist ein todter Schatz!" „Das weiß ich, mein Kind," entgegnete Frau Rosa, „und doch ist es eine Beruhigung, zu wissen, daß es uns in des Lebens Nöthen auch ein Schutz ist!" „Ein noch besserer Schutz ist uns der Vater im Himmel," entgegnete gläubig die junge Frau. — „Du bist die würdige Gattin Deines Adolf!" sagte die Mutter, gerührt die blühende junge Frau in ihre Arme schließend. Erst spät, nachdem sie Frau Rosa vollkommen beruhigt wußten, verließen Dr. Lehner und seine Frau das Elternhaus. „Der arme Vater!" sagte Leah; „es bricht ihm das Herz; mein einziger Trost ist, daß Sanders ihn begleitet; — sie werden einander in ihrem Unglück aufzurichten suchen!" „Zwei unerbetene Helfer," sagte Dr. Lehner, „und vielleicht die einzigen, die den redlichen Willen haben, dem drohenden Unglück zu steuern." „Wo aber nur der Onkel sein mag?" fragte Leah nach einer Weile. „Es ist eine unbegreifliche Feigheit," entgegnete ihr Gatte, „so das sinkende Schiff zu verlassen!" „Die Schande wird ihn in den Tod getrieben haben," sagte Leah, „bei seinem Stolze kann er den Fall nicht überleben!" —

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