Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 3 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 3. Jüdisches 188«. iij Heransgcgeben von Dp. Nahmen in Magdeburg. -«N5» Zur Unterhaltung u. Belehrung für die israrlitischr Jugend. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Iba Barber. (Fort- \tU)(Ut! setzung.) — Allerlei sür den Familien tisch: Friedrich Wilhelm I. und die Berliner Inden. — Mendelssohniana. — Un- ' wissenheit oder Fälschung. — Ein Schreibfehler? — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Prinzessin. « Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung). In frühester Kindheit schon mied sie die geräuschvollen Spiele der Freundinnen und Geschwister und überließ sich, allein durch die Felder schweifend, dem Traumspuk ihrer reichen, etwas zügellosen Phantasie. Sie konnte verzückt dem Gesänge des Vogels lauschen, die dünnen Staubfäden der Blume, den graziösen Flug des Schmetterlings mit innigem Behagen betrachten, die kräuselnden Wellenbewegungen des Baches stundenlang sinnend verfolgen; die Natur hatte fürste eine Stimme, eine in tausend verschiedenen Erscheinungen sich wandelnde Gestalt, die dem Aug' und Ohr der sonst frühreifen Töchter Israels völlig verschlossen bleibt. Bei ihrer concentrirten Innerlichkeit, diesem lebendigen, inneren Anschauungsvermögen, mußte ihr nothwendig das Erfassen äußerer Verhältnisse und Beziehungen abhanden gehen: ihr mangelte der praktische Sinn, der bei weitaus jüngeren Kindern ihres Stammes prägnant ausgeprägt ist, und dieser immer mehr hervortretende Gegensatz zu ihrer Umgebung ließ sie vor dem Forum der Alltagsmenschcn in dem ungünstigsten Lichte erscheinen. Sie galt für unbeholfen und beschränkt, man sprach von ihr nur im Tone der Geringschätzung und ihre freiwillige Absonderung von den Genossinnen, die man ihrem Stolze zuschrieb, trug ihr den Spottnamen: „die Prinzessin" ein. „Mag sie deutsch lesen," hieß es, „und wenn sie will auch französisch, sie taugt ja so zu nichts Rechtem, die Prinzessin." Sie wußte nichts von dem abfälligen Uriheil, das die Leute über sie fällten, auch nicht, daß sie, Dank diesem Urtheile, isolirt, frei und unbehelligt von jeder fremden Einflußnahme sich entwickeln durfte. Sie lernte allein; ohne Anregung und Leitung schöpfte sie aus den verschiedensten, oft reinen, oft auch mit Schlamm versetzten Quellen den Labetrunk für den dürstenden Geist, immer mehr erweiterte sich ihr Jdeenkreis, immer vielfältiger wurden ihre Gesichtspunkte, immer reicher, voller ihr Innenleben. Wenn aber die auf's gerathewohl zusammengeraffte und doch mit einem gewissen richtigen Jnstinct gewühlte Lectüre ihrem Kopfe ungeahnte Schätze und eine unermeßliche Fernsicht eröffnete, so ging dabei das Gemüth, das gleichzeitig erwachend, auch nach entsprechender Nahrung verlangte, doch ziemlich leer aus. Obwohl zu Zeiten durch einen schönen Gedanken, ein zutreffendes Bild erweitert und gehoben, fand es doch für das heiße Liebesbedürfniß, sür das fast krankhafte Sehnen nach Verständigung und Mittheilung des Empfangenen kein geeignetes Ventil. Die Glücksmomente reiner Erhebung stellten sich nur selten ein, und immer wieder suchte Lea vergeblich in den Büchern jenen schattenhaften Schemen, der jedem in anderer Form und Gestalt nahet, jenes abstracte Etwas, das die Armuth unserer Sprache Glück benennt und durch einen harten Begriff zu fixiren wagt, was in ewigem Fluß und Wechsel sich befindet, dem. Einen ein glänzendes Luftgebilde, dem Anderen ein Gefühl, eine Ahnung, ein Traum ist und das Jedem in nichts zerrinnt, sobald er seiner Existenz auf den Grund zu kommen sich vermißt. Dies ewige Suchen und nicht Finden, dies latente, starre Empfinden, das, wie der durch's Treibeis gebundene Gebirgsbach in seiner Tiefe brausend nach Befreiung rang, versetzte sie in eine gereizte Stimmung, machte das Blnt in ihren Adern sieden, trieb ihr, ohne daß sie recht wußte, weshalb, die Thräne in die großen, dunklen, fieberisch leuchtenden Augen. Wunderbar waren sie zu schauen, diese abgrundtiefen, nächtigen Sterne; dem milden Mondstrahl vergleichbar, wenn von den langen, schwarzen Wimpern, wie von einer leichten Wolke verhüllt, konnten sie zu Zeiten wieder in ihrem leidenschaftlichen Aufblitzen eine nahezu dämonische Gewalt verrathen. Sonst war Lea nicht eigentlich schön zu nennen; ihren Körperformen -fehlte die Rundung und jugendliche Elasticität, Kopf und Haltung trugen das Gepräge einer gewissen schüchternen Unbeholfenheit, das schmale Gesicht hatte eine matte Olivenfarbe, und über die ganze Gestalt lag es wie ein dünner Flor gebreitet. Der verständnißvoll Schauende mußte sich freilich sagen, daß, wennein heißer Sonnenstrahl, der Blick der Liebe, einst den sie umgebenden Dunstschleier theilen würde, so müßte dahinter ein Bild zum Vorschein kommen, wunderbar ergreifend vorerst in seiner schönen Hülflosigkeit und erglänzend in stolzer Schöne und Pracht, wenn einmal zum vollen Bewußtsein seines berückenden Zaubers gelangt. Vorläufig entsprach sie indeß durchaus nicht der landläufigen Geschmacksrichtung und sie selbst war ihrer Unschönheit sich so voll bewußt, daß ihr reger Formensinn, wie ihr dunkles Sehnen nach vollendeter Harmonie sie bitterböse ob dieses Mangels werden ließen. Sie wollte schön sein, wie sie gut sein, wie sie geistig hervorragend sein mochte und weil sie fühlte, daß ihr der Hauch der Liebe fehlte, der ihrem innern und äußern Wesen die Lebenswärme vermitteln, ja eigentlich erst die Daseinsmöglichkeit verleihen sollte, wurde sie, nach außen hin, schroff, verschlossen, unzugänglich. Die Mntter beobachtete mit wachsender Sorge die Unruhe und den Fieberglanz im Blicke Lea's und zog schließlich den Hausarzt zu Rache. Da dieser aber, dem der Sinn für feinere psychologische Abnormitäten mangelte, nur nach äußern Symptomen schloß und sie demgemäß als ganz gesund erklärte, so meinte der Vater, man möchte ihn mit solchen Narretheien ungeschoren lassen, Lea sei einfach launenhaft, verrückt, und man müsse sie je eher je lieber verheirathen, damit das Gerede nicht unter die Leute komme und ihr bei einer Parthie schade. Das Ergebniß dieser eilfertigen Lösung der Frage war die veranstaltete Zusammenkunft, deren Ausgang wir bereits kennen. Lea's entscheidendes Auftreten bei dieser Gelegenheit, das ihr, abgesehen von ihrer vermeintlichen Geistesschwäche, überdies noch den Ruf halsstarriger Bosheit eintrug, gestaltete ihren Aufenthalt im Hause und ihr Berhältniß zu Eltern und Geschwistern immer unerquicklicher und liebloser. Die mildesten Beurtyeiler, in erster Reihe die Mutter, meinten.