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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 2 (1886) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
2 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
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— 7 — zu gehen und zu sagen: „Bruder, Du stehst am Rande des Abgrunds, realisire, was Du hast, komm zu mir, lebe fern von dem Orte, wo Du zu den Großen zähltest, als einfacher Privatmann, ich will Dir beistehen, Dich zu trösten suchen," — er würde mich wie einen Wahnwitzigen verlachen und lieber mit all seinen stolzen Plänen untergehen, ehe er die rettende Hand ergreift." „Leider nur zu wahr," sagte Dr. Sanders. „Auch um mich hat er cs nicht verdient, daß ich Antheil an seinem Schicksal nehme; nichtsdestoweniger thut er mir leid. Ein Mann, der weder Freude in seiner Häuslichkeit, noch an seinen Kindern hat, rastlos ringt und strebt, um Schätze auf Schätze einzuheimsen und darüber vergißt, des Lebens edlere ^-Güter zu pflegen, ist ein simpler Glücksjäger, dem jede tiefere Lebensauffassung fehlt!" „Und doch war er eine reich beanlagte Natur," sagte tief traurig Leo Braun, „seitdem er seinen Gott verleugnet, läßt sich Tag für Tag ein Rückgang Nachweisen. — Die Affaire mit Jlka hat ihn zum alten Mann gemacht, Norbert ihm bittere Sorgen bereitet, dann kam der Krieg in Alexandrien und jetzt die enormen Verluste an der Börse. — Täglich, wenn ich ein Zeitungsblatt zur Hand nehme, zittere ich, von seinem Fallissement zu lesen; es ist nach meinem Dafürhalten unausbleiblich!" „Und sollte Graf Zaudos, dem er ja wohl ein bedeutendes Vermögen ausgezahlt, ihm nicht beispringen können?" fragte Dr. Lehner. „Wenn er wie Du wäre, mein Sohn, würde er es thun," entgcgnete Leo Braun; „ich weiß aber aus sicherer Quelle, daß der Graf mit dem, was er erhalten, nicht einmal seine Schulden hat bezahlen können. Mein Freund Meyer bekommt noch 8000 Gld. von ihm; der hochgeborene Herr Graf schämte sich gar nicht, dem ihm fremden Manne mitzutheilen, er habe jetzt nur einen Theil seiner Mitgift bekommen, werde aber, wenn er demnächst bei seines Schwiegervaters Erhebung in den Adelstand den Rest erhalten, ihm mit reichen Zinsen zahlen." „Erhebung in den Adelstand," sagte höhnisch Dr. Sanders, „als ob das schon ausgemachte Sache wäre! Ich glaube, der Herr Graf hat seine Rechnung ohne den Wirth gemacht! Uebrigens scheint er gar nichts von der Katastrophe, die über seinen Schwiegervater hereingebrochen, zu wissen; er lebt in dulci jubilo, hält sich seine Maitresse—" „Unglaublich," unterbrach ihn Frau Rosa. „Sie werden mir nicht zutrauen," entgegnete fast beleidigt Dr. Sanders. „daß ich Etwas behaupte, für das ich micht einstehen kann!" Leah schlug verschämt, wie ein junges Mädchen, die Augen nieder. Das schien auch ihr unmöglich, hinderte sie aber nicht, die Cousine aus tiefster Seele zu bedauern. „Ich kann mir nicht denken," sagte sie, da eine lautlose Stille herrschte, Jeder mit seinen Gedanken beschäftigt schien, „daß diese Ehe Bestand hat. Wie muß eine junge Frau, wenn sie von solchen Vorkommnissen erführt, es nicht unter ihrer Würde halten, mit einem Manne weiter zu leben, der —" „Was man so leben nennt," unterbrach Dr. Sanders. „Wissen Sie denn, ob jene Leute überhaupt einen Begriff von der Heiligkeit der Ehe haben? Sie leben in den Tag hinein, amüsiren sich mit einander, stellen keine zu hohe Anforderung an gegenseitige Treue, an jene innere Glückseligkeit, die nach unseren beschränkten Begriffen allein selig zu machen im Stande ist!" „Sie sollten doch Jlka besser kennen," entgegnete Leah, „um zu wissen, daß sie nicht anders über die Ehe dachte." „Einst," sagte Dr. Sanders, bang aufseufzend; „weiß ich aber, welche Wandlung inzwischen mit ihr vorgegangen?" „Warum uns den ersten Abend unseres Beisammenseins -durch trübe Erinnerungen stören?" nahm Leo Braun das Wort. „Laßt uns lieber einen Gang in's Freie machen! Die wenigen warmen Sommerabende wollen noch genossen sein!" Alle waren damit einverstanden, die Damen schnell angekleidet, Leah mit ihrem Gatten gingen Arm in Arm voran, Braun führte seine Gattin, Sanders war — allein! Er gedachte jener schönen Tage in Marienbad, da sie gerade so, nur mit dem Unterschiede, daß Jlka dicht an ihn geschmiegt und ach — so süß plaudernd an seiner Seite ging, promenirten und centnerschwer drückte das Unglück wieder sein Herz. Am liebsten hätte er umkehren mögen, doch er beherrschte sich, sprach von allem Möglichen, um nur nicht in den früheren Trübsinn zu verfallen. Die junge Frau, die da so hingebend am Arme ihres Gatten hing, mochte er schon gar nicht anblicken. — Schön war sie, lieb und gut und doch — erinnerte sie ihn nicht an Gestalt und Mienenspiel im Gesichtsausdruck, in der Haltung an jene Andere, die sich ihm so hart, so gefühllos, so — o, er fand keine Worte — so schändlich erwiesen, die sein Lebensglück, wie er meinte, in frevlem Uebermuth zertreten? Frau Rosa, seine Gedanken errathend, bat ihn, ihr von Venedig und dem Leben und Treiben dort zu erzählen. „Werden Sie mir glauben, sagte er, „daß ich so gut wie nichts gesehen? Mit verbundenen Augen wandelte ich umher, mein Blick war umflort, ich konnte selbst den herrlichsten Kunstschätzen nicht das geringste Interesse abgewinnen!" „Ich glaube es Ihnen," sagte theilnehmend ihre Hand auf seinen Arm legend, Frau Rosa; „aus all Ihren Briefen erkannte ich Ihren Seelenzustand; das müßige Leben war auch nichts für Sie; ich glaube, hätten Sie sich gleich in den Strudel reger Thätigkeit gestürzt, Sie würden leichter vergessen haben." „Wohl möglich," entgegnete Dr. Sanders, „indeß dafür ist es ja noch nicht zu spät. Ich beufe jetzt, wenn ich zurückkehre, mit der Vergangenheit zu brechen, muß — was bleibt mir übrig — unermüdet arbeiten! Meine Klienten sollen mit mir zufrieden sein! Ein Mann, der nur seinem Berufe lebt, leistet ja wohl mehr, als ein anderer, der Sonderinteressen verfolgt!" „Da bin ich nicht Deiner Ansicht," entgegnete Dr. Lehner. „Ich weiß es aus eigener Erfahrung, daß Befolgung jener Sonder - Interessen die allgemeine Lebenskraft stählt, anstatt sie zu schmälern, den Willen festigt, den Muth belebt, die Spannkraft des Geistes und Herzens weitet. — Nie war ich eifriger, gewissenhafter in meinem Beruf, als seit der Zeit —" „Nun wirst Du mir wieder einen Hymnus singen wollen," unterbrach ihn erröthend die junge Frau. — Und wie entschuldigend setzte sie hinzu: „Adolf hat sich gewöhnt — und dies scheint bald eine Schwäche zu werden — alles Gute auf mich zu beziehen." „Eine sehr verzeihliche Schwäche!" sagte Dr. Sanders, „um die ich Dich mehr, als um manche Kraftprobe beneide!" So plaudernd war man eben im Bosquet angelangt. „Gut, daß ich Dich treffe," redete ein großer, sehr verstimmt aussehender Mann, Leo Braun an, und mit ihm einige Schritte voran gehend, fuhr er fort: „Hätte Dir nicht gern heut am Schabbes etwas Unangenehmes mitgetheilt, indeß" — er stockte — „besser, Du erfährst es von mir, als von einem Andern und in's Mittel legen wirst Du Dich ja doch als nächster Verwandter, wenngleich er schlecht an Dir gehandelt und —" „Spanne mich nicht auf die Folter," unterbrach Leo Braun unruhig, was ist vorgefallen?" „Du mußt gleich nach Pest reisen," entgegnete der Andere, Simon Lewy, ein Freund Braun's, der schon jahrelang in Geschäftsverbindung mit Alois stand, und — vertraulich seinen Arm in den des erschrockenen Mannes legend und ihn einige Schritte mit sich fortführend, sagte er:

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