Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 2 (1886) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
2 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492351-9579404-9574186--0530-9574188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

besten geben. Nach längerer Unterhaltung bei der weder Lea noch der jugendliche Freier sich auch nur mit einem Worte betheiligten, fanden es die Eltern für rathsam, dem für die ganze Lebensdauer zu verbindenden Paare die Möglichkeit gründlicher Erforschung ihrer respectiven Charaktere zu verschaffen. Durch einen harmlosen Kunstgriff lockte man Lea in's Freie, bald darauf trat auch der um wenige Monde ältere Jüngling hinzu, und die Anderen zogen sich, ob ihres gelungenen Schachzuges befriedigt, zurück. Schweigend wandelten die Alleingelassenen neben einander her; offenbar wußten beide nicht recht, was man von ihnen forderte, und wie sie der sonderbaren Situation gerecht werden sollten. Endlich faßte der junge Mann, als Repräsentant des stärkeren Geschlechtes, Muth und frag das an seiner Seite still daherschreitende Mädchen: „Haben Sie Hunger?" „Hunger?" sagte sie erstaunt aufblickend. „Nun, sehen Sie", fuhr er in unverfälschtem Dialekt, mit immer steigender Lebhaftigkeit fort, „wenn ich Hunger sage, so meine ich damit, ob Sie auch so aufgeregt sind, daß Sie nicht essen können. Mir ist das zum ersten Mal in meinem Leben passirt. Es ist aber auch gar keine Kleinigkeit das gewesen, heut' früh. Da weckt mich der Vater, wie's noch ganz finster ist. Ich mein', er will mich zum Schiur — das tägliche talmudische Pensum — aus dem Bett' treiben und da sag' ich: Vaterleben, ich kann heut' nicht aufstehen, ich Hab' Zahnschmerzen. Da lacht der Vater und sagt: die werden Dir schon vergehen, wenn Du Deine Braut siehst, denn heut' wirst Du mit Glück verlobt! Wie ich das hör', war mir nicht anders, als müßt' ich ersticken, ich spring' aus dem Bett und kann keinen Bissen herunterbringen, und dann fahren wir schnell fort, ein paar Stunden hindurch, kommen hier an uub müssen warten, und jetzt", fügte er mit komischem Affecte hinzu, „könnt' das viele Reden und die ganze Geschichte schon ein Ende nehmen, denn mir knurrt der Magen". Lea streifte mit einem flüchtigen Seitenblick den lebhaft Sprechenden, erwiderte aber nichts. Bald wurde sie auch der Mühe des weiteren Zuhörens überhoben, denn die Eltern, von der Ansicht ausgehend, daß den Kindern schon genügende Zeit vergönnt war, zur gegenseitigen Ergründung von Wesen, Charakter, Anschauungsweise, Neigungen und Gewohnheiten, kamen sie zu holen, um den mittlerweile stipulirten und zu Papier gebrachten Verlobungsakt zu unterzeichnen. — Da geschah aber was Unerhörtes, noch nie Dagewesenes, — Lea weigerte sich ruhig aber entschieden ihren Namen unter das Aktenstück zu setzen. In dortigen Kreisen, wo bei der Jugend der zu Vermählenden, die Möglichkeit der eigenen Initiative von vornherein ausgeschlossen erscheint, war der Vorgang ein so überraschender, ungeheurer, daß Alle wie versteinert dastanden, vor Schreck keiner Silbe mächtig. Endlich flüsterte Feilchenfeld seiner bestürzten Gattin zu: „Mir scheint, sie ist verrückt geworden. Aber ich werde das nicht dulden, ich schlag' sie halbtodt, wenn sie mir die Schand' anthut. Was möchten die Leute in Z. sagen, doch gewiß nicht anders, als daß man uns den Korb gegeben". „Gewiß", erwiderte Frau Miriam gepreßten Tones, „schlechte Menschen giebt es genug und Feinde hat jeder; — aber fang' nur nicht gleich mit der Strenge an, laß' mich zuerst mit ihr reden". Und sie zog ihre Tochter in die äußerste Ecke der einzigsten disponiblen Stube, hielt ihr in der eindringlichsten Weise die Dummheit und Bosheit ihres Benebmens vor Augen und flehete sie in den zärtlichsten Ausdrücken an, diese Schmach und den Kummer nicht auf das Haupt der Eltern zu häufen. Doch weder die Bitten der Mutter, noch die wilden Drohungen des mittlerweile hinzugetretenen Vaters machten irgend welchen Eindruck auf das junge Mädchen, sie erklärte gelassen, den ihr bestimmten Bräutigam nicht ausstehen zu können und verharrte allen weiteren Erweichungsversuchen gegenüber in hartnäckigem Schweigen. Die unter sechs Augen gepflogene lebhafte Verhandlung mußte nothwendig im anderen Lager Verdacht erregen, man suchte Fühlung zu gewinnen, erkannte woher der Wind wehete und, um sich nicht einer schmählichen Niederlage auszusetzen, blies man zuerst zum Rückzug. Da waren nun alle Vorbereitungen umsonst getroffen, alle Hoffnungen, Illusionen, Zukunftsträume der Elteru zerronnen wie eitel Nebelgebilde, zerronnen durch die leichtfertige Handschwenkung eines unreifen Kindes und auf das Haupt dieses Kindes entlud sich auf dem Heimwege die ganze Wucht des mühsam unterdrückten, väterlichen Grimmes. „Da haben wir", rief er mit zornbebender Stimme, „die schöne Frucht der deutschen Bücher, die Du", wendete er sich wüthend an seine Frau, „schwach, und in die Kinder vernarrt, wie Du bist, ihr gestattet hast. Wenn sie mir aber den ganzen Plunder nicht in's Feuer wirft, wie wir nach Hause kommen, so zerbreche ich ihr alle Knochen. Weil sie ein Bisserl besser deutsch reden kann und mit einem Gutsbesitzer einmal ein paar französische Worte geplappert hat, meint sie wirklich, sie ist etwas mehr wie die Anderen und darf eine selbstständige Meinung und einen Willen haben. Ich werde Dir aber zeigen", sagte er mit funkelnden Augen sie direct apostrophirend, „wer Herr im Hause ist, Du aufgeblasene Gans, Du". Lea lehnte still und in sich gekehrt in ihrer Wagenecke; keine Muskel zuckte in ihrem Gesicht, kein Wort verrieth ihre Stimmung, und würden nicht einzelne Thränen von Zeit zu Zeit über die bleiche Wange rollen, man könnte zu der Annahme versucht sein, der ganze erregende Auftritt sei spurlos an ihr vorübergegangen. Der schwächliche Körper dieses noch halben Kindes barg aber auch eine eigenartige Seele, in der noch nicht entfalteten Mädchenknospe ruhete ein verwickelter Lebenskeim, dessen Triebkraft die sonderbarsten Blüthen zeitigen sollte._(Fortsetzung folgt.) Versöhnt! 34 Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) „Vor 14 Tagen," erzählte er weiter, „gelangte die Nachricht nach hier, daß ihm 3 seiner Häuser eingeüschert wurden; der ganze Handel nach dort ist lahm gelegt, die Schiffe verbrannt und so wie sein Geschäft liegt, kann er ohne nach Afrika zu exportiren, kaum bestehen." „Der gute Mann," entgegnete Sanders, „hat zu sehr auf seinen Reichthum vertraut!" „Das war ein Fehler," entgegnete der Bruder, „ein noch größerer aber, daß er sich in Börsenspeculationen einließ, um den Schaden wett zu machen. Wie ich höre, hat er seit der Alexandrier Katastrophe stark an der Börse gespielt; er kaufte damals österreichische Creditactien mit 350, heut stehen sie 310. Man spricht davon, daß er eine halbe Million verloren habe; zudem schreibt der Herr Graf wiederholt um Geldsendungen, Norbert hat auch Spielschulden in beträchtlicher Höhe gemacht, ich weiß nicht, ob er sich halten kann und so sehr ich wünschte, daß gute Freunde ihm beispringen, ich zweifle daran. Er hat es nie verstanden, sich mit wirklich edlen Menschen zu umgeben, auf die er in der Noth rechnen kann. Sie Alle, die ihm geschmeichelt und sich an ihn gedrängt, sie wollten nur von ihm Nutzen ziehen! Ich sehe es, in der Noch wird er allein und verlassen dastehen, — nicht einmal seine Religion ist ihm geblieben, die ihm vielleicht noch Trost im Unglück hätte bieten können!" „Welche schnelle Wandlung!" sagte Dr. Sanders gedankenvoll. „Er wird den Ruin seines Hauses nicht überleben," murmelte halb für sich Leo Braun. — „Kann er nicht seinen hochfliegenden Plänen nachjagen, so hat das Leben keinerlei Reiz für ihn; er ist der personificirte Ehrgeiz; ich bin fest überzeugt, daß, wenn ich es über mich gewänne, jetzt zu ihm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.