Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 2 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 2. Jüdisches 188«. Herausgegeben von Dr. Nahmen in Magdeburg. Zur Nntrrhaltuug«. Srlehrung für die israetitischk Jugend. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meise l s. — Versöhnt. Original- Allerlei für den Familientisch: Mendelssohniana. — Der französische Gesandte in Berlin. — Eine historische Reminiscenz. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. ~ r Harmonie. Von Emil Lehmann, Dresden. Roman von Ida Barber. (Fortsetzung.) Harmonie.*) Zn Harmonie — so ward dies Jahr begonnen, I« Harmonie — so wird es heut' beendet. And Harmonie hat Freunde rasch gewonnen, Hat Freuden viel dem frohen Sinn gespendet. Die Harmonie der Herzen wie der Töne Erschloß ihr Füllhorn, reich an Lieb' und Schone. Und wie bewegt heut' die Vereinsgenoffen Dem Vorstand danken, der sich treulich mühte, So sei dem Gast, dem freundlich sie erschlossen Der Feste Lust in oftbewährter Güte, Heut', da des neuen Jahres Pforten offen, Vergönnt zum Dank zu künden Wunsch und Hoffen. 3um neuen Jahre wünsch' ich dem Vereine, Ihm insgesammt wie allen seinen Gliedern: Daß bald erscheine jene Heil'ge, Reine, Die rings ersehnt, von Hohen wird und Niedern, Die dem Vereine Namen gab und Segen: Die Harmonie — auf allen Lebenswegen. Die Harmonie, die Eintracht und der Frieden, Die sind seit Jahren uns verlorne Schätze, Vom Bürger sieht der Bürger sich gemieden, Weil anders lauten seine Glaubenssätze, Das neue Testament mißtraut dem alten, Und Feind' find auch, die nichts von beiden halten. Nicht Harmonie, — Zwietracht und Mißverstandniß Hat diese Trübsal uns heraufveschworen, O gäb' es bald ersehnte Schicksalswendniß, Zu viel, zu viel ging schon durch Haß verloren. O, schwände bald der Menschenfeind, der Satan, 10 fände Deutschland wieder sich im „Nathan". Vor hundert Jahren ist der Mann geschieden, Deß Leben war ein Streu'n von Liebessaaten, Der echte Menschenlieb' und Glaubensfrieden Nicht blos gelehrt, nein, auch bewährt in Thaten: Seit Moies Mendelssohn starb: — ein Jahrhundert'. Und heut' noch Judenhaß? fragt man verwundert. Ja, Harmonie'. Der Herzen und der Seelen, Du, neues Jahr, sie ist's, die wir ersehnen. Was Jud' und Christ? Sie straucheln Beid' und fehlen, Wenn sie sich Beff'res als die Andern wähnen Nicht Jud' und Christ — nein, in dem deutschen Reiche Giebt's Bürger nur, giebt's Menschen nur und Gleiche! So, Harmonie, erhebe Deine Schwingen: Kein Glaubenshaß, Eintracht und Liebe walte. Laßt «ns vereint nach edlen Zielen ringen. Kein Rassenhaß, kein Klaffendünkel spalte. Zum Segen, so wie hier in dem Vereine, Werd' Harmonie im Reich, in der Gemeine. Dresden. Emil Lehmann. Vor fünfzehn Jahren war's, daß wir uns einten, Als Feindes Trotz den deutschen Muth begeistert, Als wir erreicht das schöne Ziel vermeinten, Den Drachen Zwietracht endlich kühn bemeistert. Ein deutsches Reich war glorreich nun erstanden Und Jubel scholl in allen deutschen Landen. Da, vor Paris, im Lager, im Gefechte, Daheim am Bett, wo's Pstege galt den Wunden, Frug Keiner: ist Dein Glauben auch der rechte? Da standen Christ und Jude treu verbunden, Da hielten Beide stramm und fest zusammen, In Beiden glühten gleicher Liebe Flammen. Und kaum zu Haus, kaum war das Reich gegründet. Das herrliche, das Reich der deutschen Treue, Wie bald ward kalt die Hand, erst treu verbündet. Da regte sich uralter Haß auf's Neue: Dem deutschen Bruder, der nicht christgeboren, Ward Treue, Lieb' und Vollrecht abgeschworen. Antisemit! Wort undeutsch, wie Gesinnung! Zehn trübe Jahre herrscht'- in deutschen Gauen, Aus Schulen, hohen, nieder«, in der Innung, In Büchern, im Gespräch der Männer, Frauen, Allüberall ertönt's, bald laut, bald leise: Das ist ein Jude, meidet seine Kreise. So ist der Riß, der klaffende, entstanden, So ward der Bund der Liebe jäh vernichtet: „Ein Schandsteck der Cultur in deutschen Landen" — Wie ihn der edle Prinz gerecht gerichtet. Zehn Jahre sah'n der Trübsal Flamme lodern — Soll sie noch länger zehrend Opfer sodern? In deutscher Bildung wachsen uns're Söhne, Die Töchter blüh'n m deutscher Huld und Sitte, Den Andern gleich erglüht ihr Herz für's Schöne — Und doch hemmt Bleigewicht der Armen Schritte. Wohl öffnen rings sich Bahnen frei und heiter — Dem Juden nur winkt's drohend: halt, nicht weiter. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe MeiselS. (Fortsetzung). Der von den beiderseitigen Verwandten ersehnte Tag kam heran. In Feilchenfeld's Hause herrschte ein unbeschreiblicher Rumor; tagelang wurde, von früh bis spät gekocht und gebacken, so reichlich, wie sonst zu einem Hochzeitsschmause, sagten die Leute, und fanden dies den Rang- und Vermögensverhältnissen der Betreffenden vollkommen entsprechend. Die verschiedensten Fleischsorten, Leckerbissen, Getränke, Silberbestecke wurden in Körbe gepackt, auf ein Strohwägelchen geladen und den dort placirten Dienern in Hut gegeben. Zwei andere bequemere Wagen standen zur Aufnahme der Familie und einiger geladenen intimen Freunde bereit; Frau Miriam, die bis zum letzten Moment zu ordnen, Befehle zu ertheilen, etwas Vergessenes nachzuholen hatte, konnte endlich auch hineingeschoben werden und der Zug setzte sich in Bewegung. In dem einzigen jüdischen Einkehrhause eines kleinen, schmutzigen Dorfes, auf halbem Wege zwischen den Wohnorten der beiden Parteien gelegen,'sollte die Zusammenkunft stattfinden. Die Angehörigen des Bräutigams waren mitsammt dem jungen Manne schon anwesend, als unsere Gesellschaft auf dem Schauplatze erschien, was, in Anbetracht dessen, daß jene die werthvollere Waare am Lager hatten, als ein Akt besonderer Courtoisie anzusehen war. Durch den „Prüfer" einander vorgestellt, tauschte man in gemessenwürdevoller Weise die üblichen Höflichkeiten aus, nach welchen die Männer allsobald in einen talmudischen Disput sich verwickelten, während die Frauen in eifrigem Gespräche ihre Erfahrungen auf dem Gebiete von Küche und Keller zum *) Sylvester 1885 vor einem gleichnamigen Verein vorgetragen.