Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 6 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 172 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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künstlerischen Lügenklimbim dieser Gesellschaft analphabetisiere, manifestiert sich in der sinnlosen Gegenübersetzung des Handels- und des Denkjuden. Und auch hier zeigt sich, daß diese gefällige Kontrapunktik nicht nur im Jüdischen falsch läuft, sondern im Menschlichen aller Höhenlagen und Breiten ebenso. Der wahre Gegensatz, der diese kleine mehr statistische Einteilung zerbricht und überhöht, ist der des Glühenden und des Blasierten, des Kämpfers und des Abgebrühten, des Propheten und des Artisten. Unter den allgemeinen Lebenspflichten des Menschen, die seine Seele als geringes Entgelt zu leisten hat für all' die strahlenden, klingenden, tobenden Wunder der ihr jeweils gegönnten Jahre, ist die erste heute vielleicht diese: den letzten, einzig wahren Gegensatz in großen Plakaten vor das Volk zu stellen, damit es ihn überwinde und der schwarze Dämon in seinem eigenen Feuer niederbrenne. Nach der verführerischen Lehre des Sokrates ruht die Schlechtigkeit der Menschen in ihrer Dummheit. Wenn es so sein sollte, wie lohnend, wie verpflichtend ist dann die Aufgabe der schon Wissenden, in einem radikalern und tiefer greifenden Sinn die Devise jenes geliebten Jahrhunderts wahr zu machen: Aufklärung der Menschen! Eine nicht mehr nur rubrizierende, nur etikettierende Wissenschaft, Moral, Pädagogik, Publizistik, Eugenik, sondern eine erziehende Heilkunst gilt es zu schaffen, die — vor, während und nach der sozialen Erlösung — mit Plus und Minus versehen, ohne die Gleichgültigkeit larmoyanter Loyalität, die zwei menschlichen Ur-Typen mit allen Wesenszügen, in allen Formen, unter allen Aspekten vorzeigt: den Nachttypus des Bürgers, des Festgebundenen, Bornierten, Gehemmten, Verzwickten, Dunstigen, Atemlosen, Schimpfenden, Kränklichen, und den Lichttypus des freien Menschen, des Wanderers, Kosmopoliten, Gelösten, vom Geist längst wieder Befreiten, Gelüfteten, Vitalen, Tanzenden, Gesunden. Es gibt in der zeitlich und räumlich nahen Literatur zwei Menschen, die mit allem Magnetismus polarster Naturen sich erst angezogen und dann mit der krassen Divergenz ihres Wesens sich in dramatisch schroffster Art abgestoßen haben: Verlaine und Rimbaud. Wenn je ein menschliches Phänomen in dieser verkleisternden Gegenwart mit ihrem falschen Synthetizismus, der den richtigen herrlichen verdeckt und diskreditiert, mit ihrem dummen demokratischen Versöhnungsdusel grell und wahrhaftig ans Licht getreten ist, dann in der Beziehung dieser beiden Menschen, die ohne jede Verdrängung ihre Lösung finden konnte durch den Schuß des dichtenden Bürgers Verlaine gegen den aktiven Menschen Rimbaud, den vierzehnjährigen Dichter, den achtzehnjährigen Kolonisator, den bis ins letzte Krüppelfieber jungen, unbesiegbaren, unausschöpfbaren Menschen. Das Attentat des talentierten Metiers gegen 172