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Die Jüdische Gemeinde · 1927-04-15 · 6 (15.4.1927) · p. Seite 171

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
6 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
Seite 171 (sequence 21)
Language
German
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bild derart gezeigt, daß unter dem literarischen Fett und dem politischen Fleisch die eigentlichen Knochen, die wahre Substanz in ihrer Verknotung und Verflechtung deutlich wurde. Ich leiste mir bisweilen den Luxus, solchen Kardinalfragen welche von geringerer, wenn auch noch besonderer psychognostischer Bedeutung anzureihen: über die Freude an Tieren, Blumen, Gemüsen, an den Wundern der Musik, an der Herrlichkeit des Meeres und an der Schönheit des nackten menschlichen Leibs. Ich habe das erzählt, um sichernde Maßstäbe vorzuzeigen zur ungefähren Erfassung des fremden Nachbarn, des Bruders Mensch, der unerkannt an uns vorbeigleitet, wie es nur unter Geschwistern möglich ist. Ein Maßstab von dieser Bedeutung nicht einem Menschen nur, sondern seinem Werk, der Idee gegenüber, existiert allein im jüdischen Charakter. Jede Untersuchung an diesem Probierstein ist offenbarend: was hier Feuer fängt, ist Brennstoff, — was hier zerschellt, ist mürbe. Ob im Übrigen das Explosive oder das Fallreife wünschbarer ist, entscheidet sich nach besondern und weniger speziell geeichten Maßen. Aber das große identifizierende Kriterium bleibt die Reagenz des Judentums. Auf solchem Hintergrund, in solcher Absicht lohnt es, den Kontrast des Intellektuellen und des Geistigen aus dem verfließenden Urteil der Zeitgenossen herauszuheben und grade am jüdischen Exemplar Mensch zu klären. IL Das Glückliche bei solcher Untersuchung ist, daß von jeder Art dauernd Typen unterwegs sind: in jeder Versammlung, auf der Straße, bei der Arbeit begegnet Einem dieser oder jener Typus des „gebildeten" Juden, der Intellektuelle oder der Geistige. Unpräzisen Charakteren wird die Unterscheidung spitzfindig erscheinen und sie selber werden im Leben so verfahren, daß sie die Caesur überspringen und zwischen Beiden gar keine Grenze ziehen, sondern beide zusammen als den ,,geistigen" Juden etwa dem jüdischen Händler gegenüberstellen. Diese Einteilung ist ebenso oberflächlich wie verkehrt. Ich kann mir eine Art von Handelsbetrieb denken, wenngleich mir auch kaum noch das Glück widerfuhr, ihn zu treffen, der von der Gewissensgröße und dem unentrinnbaren Impetus des wahren Geistes ergriffen und geleitet wäre. Daneben und heute unseliger Weise darüber lebt jene andere Sorte von Handelei, die im innern Format den Kleinverschleiß des intellektuellen Gehirnspeichers ebenso getreulich symbolisiert wie die enge und brutale Erregung intellektuellen Kampfes. Die durchaus falsche Vorstellung, daß die Kenntnis des Alphabets, der oberen Grammatik und der Gabelhaltung bei Tisch aus Barbaren Aristokraten mache, daß umgekehrt die Abwendung von den geistigen Normalgütern des bürgerlichen Verkehrs und vom 171

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