Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 6 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 170 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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charakter für jede Idee, negativ oder positiv (Das bestimmt sich nach logo-ethischen Wertbegriffen) Orientierungspunkt einer unsichern und von neuen Zielen dauernd gelockten Mitmenschheit zu sein- Es wäre durchaus falsch, darob in eine überlegene Herrenpose zu verfallen oder umgekehrt sich seiner Stellung als allgemeines Laboratoriumskaninchen zu schämen. Wenn überlieferte und durch tausend törichte Predigten ausgeleerte Vorstellungen noch mit Sinn zu füllen wären, dann darf hier der Gedanke des auserwählten Volkes wieder erscheinen; auserwählt zu einem gar nicht subalternen, aber auch gar nicht besonders sublimen Dienst, Seismograph in großen menschlichen Bewegungen zu sein. So wenig der sorgfältig ziselierte, dauernd besorgte und leichtest verletzliche Apparat einen Einfluß auf das Kommen und Gehen der vulkanischen Erchütterungen hat, sondern lediglich deren exaktester, zuverlässigster Beobachter ist und als solcher, erst freilich indirekt, eine die menschlichen Maßnahmen ändernde oder bestätigende Funktion erhält, ebensowenig ist es unmittelbare Bedeutung des speziell Jüdischen im Gesamtbestand des Menschlichen, diesem die Bahn zu weisen, die Grenze zu ziehen oder die Höhe zuzumessen, sondern zunächst nur als unbetrügliches, schärfstes Maß ihm die Wirkung seiner Anlagen und Entscheidungen zu zeigen und so erst hinterdrein der rezipierenden menschlichen Vernunft Ziel und Richtung zu geben. Es ist für jeden Einzelnen gut, gewisse Ausgangspunkte der Beurteilung zu haben, und wem die astrologischen Deutungen noch mathematisch bedenklich scheinen mit ihren bestreitbaren und traurig begrenzten Voraussetzungen (bei aller etwaigen Luzidität der spätem Folgerungen), Der wird doch gern gewisse andere Maße greifen, mit denen er in den Tatbestand eines fremden Menschen eindringen kann. Manche Versuche der zeitgenössischen Charakterologie, von denen auch in einem großen gewaltigen Werk von Utitz („Charakterologie" im Pan-Verlag Rolf Heise, Charlottenburg) die Rede ist, weisen in diese Richtung. Wenn ich von mir selber reden darf, so kann ich sagen, daß mir mit sechs, sieben großen Fragen fast noch jede Seele klar geworden ist und zwar in iherm gesamten Umfang, wobei schon jeder Fragenkomplex für sich nicht nur den angerührten Charakterteil aufgedeckt, sondern auch von den andern hinreichend scharfe Umrisse nachgewiesen hat. Auf die einzige nackte, undogmatische, aber unverbiegbare Frage, wie er zum Sozialismus stehe, hat mir noch jeder Mann eine Antwort gegeben, die mich über seinen Charakter belehrt hat, wobei ich nicht starr genug bin, jedes orthodoxe Ja unbedingt mit einem Einser auszuzeichnen. Und auf die andere Frage, wie man Karl Kraus, den Menschen und sein Werk, empfände, hat mir noch jede Seele ihr Röntgen- 170