Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 6 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 164 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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stinkt, ist das Schwindelmanöver, die Tragik des Kriegs, dieser von Menschen über sich selber verhängten, folglich von Menschen aufhebbaren Qual, mit der ,,unaufhebbaren Grundtragik alles Daseins" in einen Topf zu schmeißen, . - , und noch ekelhafter womöglich die echt philistrige Praktik, den Heroismus derer, die unverdrossen immer wieder die Dreckwelt zu säubern, die irdische Hölle in ein Paradies zu verwandeln bemüht sind, als ,,Fortschritts-Optimismus" anzuunken — aus dem Sumpf eines völlig unjüdischen, weil unmessianischen ,,Pessimismus". Allen großen jüdischen Aufwieglern und Propheten, von Mose und J e s a j a bis zu Karl Marx und Karl Kraus, eignet, unbeschadet ihres Kummers über menschliche Niedertracht und Verblendung, heroischer Optimismus in jener ,,Diesseitigkeit", die Knirps Goldschmidt das Stirnchen hat, ,,naiv-egozentrisch" zu finden. Ursache dieses hanebüchnen Urteils ist weniger die grundlose Arroganz des Knirpses als seine bodenlose Ignoranz in allem, was jenseits des literarhistorischen Krams liegt. Den Aktivismus, den formalen, der die Politisierung des Geistes, auch den essentialen, der die Aristokratisierung der Menschheit, die Pazifizierung und Sozialisierung der Welt will, stellt er sich vor wie etwa der kleine Moritz. Er hat mal was von dem Gegensatz „Aktion — Kontemplation" läuten gehört, und nun schwant ihm: Aktivismus ist ein ,,Hinauszerren des Geistes in die ,»Aktivität" von Tag und Gasse", durch das „nicht nur alles höhere, einsame Eigenmenschentum, sondern auch die beste, geruhsamste kontemplative Kraft und Tiefe der jüdischen Seele selbst verleugnet wird". Das mag, stimmen, so weit sichs um Goldschmidts Seele und um Goldschmidts Eigenmenschentum handelt; allein mit welchem Recht schließt seine Wenigkeit von sich auf andre? Daß die Menschheit, gottseidank, nicht bloß aus „geruhsam" kontemplierenden Schöngeistern, Kaliber Goldschmidt, besteht . . . und nicht bloß aus wild - sozialpolitisch agierenden Kaffern; daß es, im Gegensatz zu beiden Typen, einen dritten Typ gibt, der grade aus der zartesten Kontemplation immer von neuem die stärkste Aktivität schöpft; daß wir Vertreter dieses Typs uns nur deshalb Aktivisten nennen, weil das moralische Gewissen uns zwingt, der Aktion vor der Kontemplation solange den Vorrang zu geben, als Millionen Menschenbrüder, die qualvoll vegetieren, keine Zeit haben zum Kontemplieren---: von alledem hat der hier, der Goldschmidt, keine Ahnung. Er tut, als hätt' er sie: schiebt den „modernen jüdischen Intellektualismus" uns in die Schuhe, zeigt damit, daß er den fundamentalen Unterschied zwischen Ratio und Intellectus, Vernunft und Verstand, Geist und Grips mangels Geistes und Gripses ebenso wenig kapiert wie das garnicht „Moderne", das Überzeitliche unsres Kampfs für Freiheit, Gerechtigkeit, Adel . . . und behauptet, ohne den 164