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Die Jüdische Gemeinde · 1927-04-15 · 6 (15.4.1927) · p. Seite 161

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
6 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
Seite 161 (sequence 11)
Language
German
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Blatt zu keinem jüdischeren als etwa den deutschnationalea Berliner Lokalanzeiger, in dessen Redaktion es von Juden geradezu wimmelt. Der Vergleich paßt auch sonst. Man wird in den Spalten des Lokalanzeigers offenem Antisemitismus so leicht nicht begegnen; und ebenfalls enthielte die Behauptung, in der Frankfurter Zeitung werde zu Pogromen gehetzt, ohne Zweifel eine Übertreibung. Keine allzu gewaltige. Denn zwischen grobschlächtiger Pogromhetze und subtiler, halbhörbarer Verächtlichmachung gewisser Wesenszüge, die man, rechtens oder nicht, als jüdisch deutet, gibt es wohl Zwischenstufen, aber keinen grundsätzlichen Unterschied. Bestünde einer, so könnte es nur der sein, daß die subtile halbhörbare Verächtlichmachung die gefährlichere Form des Antisemitismus ist. Während des Kriegs sammelte ich Stimmen des „andern" Deutschland und gab sie, als Jahrbuch „Das Ziel" („Aufrufe zu tätigem Geist"), im Januar 1916 erstmalig heraus. Das Buch, mit Beiträgen einiger Repräsentanten älterer Generationen: Hedwig Dohm, Alfred Kerr, Heinrich Mann, Gustav Wyneken, und meiner Generationsgenossen: Walter Benjamin, Hans Blüher (ja damals!), Max Brod, Arthur Drey, Rudolf Leonhard, Leonard Nelson, Ludwig Rubiner, Franz Werfel, Alfred Wolfenstein, auch mit einem Beitrag von mir selbst, erregte ein ungewöhnliches Aufsehen und wurde einige Monate nach Erscheinen von der Militärzensur verboten und beschlagnahmt. Es war ein erster, wenngleich kraft der Zeitlage notgedrungen ziemlich symbolischer, ziemlich indirekter Kollektivprotest gegen das Kollektivverbrechen, das geschah. Dies Buch schritt noch auf legalen Wegen, es war nicht eigentlich revolutionär; aber es revolutionierte: gerade durch seinen Verzicht auf geeichte revolutionäre Sprachformen. Es war mehr positiv als kritisch; es stellte mehr die Denkhaltung, auf die es ankommt, dar, als daß es den Zustand, auf dessen Zerstörung es ankam, berannte. Jeder Leser fühlte aber das Berennende, das gleichwohl darinlag, und das tat in Garnison, Etappe und Schützengraben wohl. Die Kriegspartei schwieg oder schäumte (zum Beispiel die Vossische Zeitung — bis in den Herbst 1918 kriegsverlängernd, annexionistisch, ludendorffsch — schwieg); die Friedenspartei, publizistisch damals durch Theodor Wolff geführt, wies in einer respektablen Reihe von Rezensionen auf das Werk mit Sympathie hin. Die Frankfurter Zeitung, am 9. Februar 1916, schrieb: „. . . Ein Buch, mitten in diesem Krieg erschienen, das es sich aber streng verbittet, als Kriegsliteratur verstanden zu werden? — Als ob unsere Kriegs 1 i teratur so schlecht wäre! . . . 161

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