Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 6 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 160 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Tropfen Blutes bzw. der ,,Seele" heraus, so daß ein weißgebluteter Lappen Fleisch übrigbleibt, der endlich als „koscher" erachtet werden darf, aber jeglichen Nährwertes beraubt ist! Mithin ist koscheres Fleisch eine sehr teure, unrationelle Nahrung, wie sie kein denkender moderner Mensch fordern kann. Allerdings hält sich solch entblutetes Fleisch besser als anderes, und die meisten Schlachtmethoden zielen ohnedies dahin, eine vollständige Blutung des Tieres herbeizuführen, ohne es, wie bei der Schächtung, zu quälen. Die angewendeten Systeme (Stirnschlag, Genickstich oder -schlag, Masken- oder Hackenbouterolle) führen den sofortigen Tod des Viehs herbei, doch ist die Blutung meist sehr unvollständig; daher beschreitet die englische Patentmethode, die dem Fleisch einen höheren Nährwert und Geschmack beläßt, einen entgegengesetzten Weg, auf dem sie möglichst vollständige Zurückhaltung des Blutes erstrebt. Das saft- und kraftlose koschere Fleisch aber konnten nur Menschen fordern, die weder die biologischen noch medizinischen Kenntnisse der Neuzeit besaßen; ihnen muß man diesen uralten Blutaberglauben zugute halten (Animismus). Aber heutzutage gibt es keinen vernünftigen Grund, aus leerer Nachäfferei und geistlosem Hangen am Überlieferten trotz des gegenteiligen Talmudgebotes Tierquälerei zu fordern. Nur wer heute tatsächlich noch in animistischen Vorstellungen uralter Zeiten befangen wäre, — und das ist von kaum einem Europäer anzunehmen — hätte ein moralisches Recht, koscheres Fleisch zu beanspruchen; für alle anderen Menschen sind die Voraussetzungen längst gefallen. Ist die Frankfurter Zeitung jüdisch? Eine Erinnerung von Kurt Hiller In jüdischen Kreisen Deutschlands gilt die Frankfurter Zeitung als ,,das vornehmste", in christlichen als „ein jüdisches" Blatt. Ich habe mir oft und nachhaltig den Kopf zerbrochen, wie sie zu diesen beiden Bezeichnungen gekommen sein mag. Eine Erklärung, die mich befriedigt hätte, fand ich nicht. Aber eine gewisse Beruhigung gab mir schließlich die Hypothese, daß woh) der Leitartikel dran schuld sei. Seine hervorstechendsten Eigenschaften in den, sagen wir, 200 Fällen, wo ich diese Zeitung anlas, waren: Farblosigkeit und Gestammeltheit. Es ließe sich vorstellen, daß das Blatt mit dem blassesten Leitartikel Juden als das vornehmste imponiert, während Christen holpriges, schiefes, lahmes, gehustetes, gestottertes Deutsch irrigerweise für Jiddisch halten. Andre Gründe wüßt' ich nicht. Daß in der Redaktion der Frankfurter Zeitung, mag sein, einige Juden sitzen, macht das ISO