Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 6 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 157 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9572329-9573323-9572513--184-9572520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gänzlich zu vernichten, weil das Volk unrein, von bösen Geistern besessen war. Aus dieser Ansicht, wonach im Blute Dämonen hausen, erklärt sich auch das eigenartige Gesetz 2. Mos. 21, 28, wonach ein Rind, das einen Menschen totstößt, gesteinigt (also nicht geschlachtet) und sein Fleisch gänzlich gemieden werden müsse, denn es handelt sich um ein besessenes Tier. Kein Fleisch durfte genossen werden, ehe nicht alles Blut entfernt worden war, ebenso die Eingeweide wie alles andere, worin sich Exkremente ansammeln bzw. was mit den Geschlechtsteilen eng zusammenhing (Beschneidung als stellvertretendes Blutopfer!): derlei durfte nur Gott genießen (1. Sam, 14). Gott allein gehört das Blut. Das wird unermüdlich wiederholt und den Leuten eingeprägt. „Und jedermann aus dem Haus Israel oder den Fremdlingen unter ihnen, der irgend Blut genießt, auf den werde ich meinen Zornblick schießen, wenn er Blut genießt, und werde ihn ausrotten aus der Mitte des Volkes. Denn die Seele des Fleisches ist im Blute, und ich habe es bestimmt für euch auf den Altar, um eure Seelen zu versöhnen, denn eben durch das Blut versöhnt man seine Seele . . , Denn die Seele alles Fleisches ist sein Blut mit seiner Seele, darum sprach ich zu den Kindern Israel: Blut von irgendeinem Fleische sollt ihr nicht essen, denn die Seele alles Fleisches ist sein Blut, wer es ißt, soll ausgerottet werden . . ." (3. Mos. 17, 10 ff.). Es versteht sich^yon selbst, daß man danach bestrebt war, aus dem geschlachteten Tiere möglichst jeden Bluttropfen herauszubekommen, um auch unwissentlich nicht gegen Gottes Gebot zu handeln: die dazu geeignete Schlachtmethode heißt das „Schächten" und gründet sich auf eine altüberkommene, kannibalische Vorstellung, die heute kein vernünftiger Mensch mehr hegt. Am deutlichsten geht ihre Barbarei hervor aus dem Genuß des kreuzweise gepfählten Opferlammes zu Pessach, des jüdischen Osterlammes. Dieses muß verbluten, um die Sünden des Menschen auf sich zu nehmen vor der nach Blutrache dürstenden Gottheit. In frühester Zeit wurden tatsächlich noch Menschen geopfert, und die Isaaklegende will dartun, daß Gott sich auch mit einem stellvertretenden Tieropfer zufriedengibt: er verlangt wohl das Blut der Übeltäter, aber es kann dafür auch Tierblut geopfert werden. Ein Blutopfer, das die früher geläufige Darbringung erstgeborener Söhne vertritt, ist die Beschneidung: als Mose selbst dies bei seinem Sohne unterließ, kam ihm der Herr in höchsteigener Person „unterwegs in einer Herberge entgegen und wollte ihn töten"; erst als Moses Frau, geistesgegenwärtig, den Jungen beschnitt, wobei sie ausrief: ,,Du bist durch Blut mein Bräutigam!", ließ Gott ab (2. Mos. 4, 24, 25). Hier also ist das frische Blut ein Talisman gegen Gott (Blutzauber), und noch 157