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Die Jüdische Gemeinde · 1927-04-15 · 6 (15.4.1927) · p. Seite 156

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
6 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
Seite 156 (sequence 6)
Language
German
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Nach gesitteter Vorstellung ist es aber nicht nur gefährlich, iremde Lebensgeister in sich zu schlingen, sondern es ist auch ein Verbrechen: die Seele, die Gott jedem Wesen eingehaucht hat, kann nur ihm wiedergegeben werden. Das ist der Grundbegriff, der zur Forderung des Schächtens führte, d. h. der jüdisch-rituellen Schlachtmethode, bei der peinlich darauf geachtet wird, aus dem Fleisch alles Blut-Leben zu entfernen. Bereits der sogen. Priesterkodex läßt Gott in dem Bund, den er mit Noah eingeht, den Genuß des Fleisches erlauben, jedoch mit dem Vorbehalte: „Nur Fleisch, das noch sein Leben (d. h. Blut) in sich hat, dürft ihr nicht essen!" und der Gesetzgeber (3. Mos. 17, 14; 5. Mos. 12, 23) erläutert: „Denn das Leben eines jeden Leibes besteht in seinem, das Leben enthaltenden Blute." Uralter Dämonenglaube spricht aus dieser Vorstellung. Das Blut des Erschlagenen — in solchen Fällen verwendet^ man im Hebräischen die Mehrzahl des Wortes „Blut" (dorn), weil nach dem Traktat Sanhedrin 37a nicht nur das Blut des Getöteten, sondern auch das seiner dadurch nicht mehr zur Welt gekommenen Kinder betroffen wurde — „schreit zum Himmel" (ein himmelschreiendes Verbrechen): Gott hört die „Stimme des Blutes" und rächt auch den heimlich begangenen Mord. Um zu verhüten, daß vergossenes Blut (z. B. das der Opfertiere) zu Gott um Rache schreie, muß man es sogleich mit Erde zudecken, selbst dann, wenn man die Opfer Gott darbringen will. Mit Schrecken las man beim Profeten Jechezkel (24, 8): „Und ich habe ihr Blut auf einen bloßen Felsen verschütten lassen, damit es nicht zugescharrt werden könne." Das bezieht der babylonische Talmud (Gittin) auf den babylonischen Feldherrn Nabusaradan, der in Jerusalem allein 94 Myriaden Menschen hätte hinschlachten lassen, sodaß ihr Blut bis zu dem des kurz zuvor im Tempel ermordeten Profeten Sakharja hingeflossen wäre. Sakharjas Blut stieg nun kochend empor und beruhigte sich nicht eher, als bis der Massenmörder den Sakharja beim Namen angerufen hatte. Also entspricht das Blut, das nicht zur Ruhe kommen kann, genau unserer Volksvorstellung vom Geist der Verstorbenen. Solche Geister, Dämonen, dachte man sich im Blute aller Wesen lebend; damit sie nicht vom Menschen Besitz ergreifen, mußte man sich peinlich hüten, Blut zu genießen. Selbst die Berührung mit Aas und Leichen war gefährlich, verunreinigend. In 1. Samuelis 14, 33 wird Saul verkündet, daß sich das Volk versündigte, indem es Blut aß: nach ihrem Sieg über die Philister sollten nämlich die Leute hungrig über das Beutevieh hergefallen sein und das noch nicht entblutete Fleisch verzehrt haben. Dieser Sünde willen, die ihn bald seinen eigenen Sohn gekostet hätte, muß Saul auch davon abstehen, die geschlagenen Philister weiter zu verfolgen und 156

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