Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 6 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 154 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist gewiß zutreffend, daß bei zahlreichen Schächtgegnern die plötzliche Erkenntnis eines tierfreundlichen Herzens mit der eines guten antisemitischen Geschäfts zum Verwechseln ähnlich ist, und daß der sadistische Trieb, Menschen wehe zu tun, sie dazu bringt, die Schonung des Tieres zu fordern. Diese Geisteskrüppel wird man fragen müssen, wo sie waren, als es galt, den Tod von Millionen Menschen abzuwenden. Man wird sie immer wieder auf die Diskrepanz des Herzens auf ihrer Zunge und des in ihrer Brust hinweisen müssen. Wer kaltblütig bleibt, wenn zwei Studenten einander die Visagen zerhacken, wer den Henker als Schützer der Nation feiert, wer Kanonen als internationale Sprachrohre nur beseitigen will, um sich am qualvollen Giftgastod des Bruders Mensch aufzugeilen, wer die Scheußlichkeit des anatomischen Versuchs am lebenden Tier billigt, wer diesen Richtern ihre Urteile gegen Tierquälerei nicht ins Gesicht schleudert, den sollten sich die Tiere als Beschützer verbitten. Eine wirklich entschiedene Tierschutz-Bewegung wird sich nicht allein dies, sondern auch sagen müssen, daß ihre letzte Forderung die Überwindung jedes Tiermords und die Durchführung der vegetarischen Lebensweise sein muß, wie dies der radikale Ethiker und Tierschützer Magnus Schwantje seit langem erkannt hat. Sie würde damit jenes tief unsittliche Prinzip beseitigen, das mit dem mosaischen Schöpfungsbericht auf uns gekommen ist, als seien die Tiere nur geschaffen, dem Menschen als Nahrung zu dienen, Doch das Leben wird nun einmal nicht von philosophischen Grundsätzen regiert. Die schönsten Betrachtungen über den wahren Sinn einer ethischen Tierschutz-Bewegung ebensowenig wie die Erkenntnis der sittlichen Minderwertigkeit eines großen Teils der Tierfreunde und ihrer Gefolgschaft können uns über die andere hinwegtäuschen, daß die Antischächt - Bewegung Fortschritte macht. In Bayern wird der Weg über die gesetzgebenden Körperschaften sie in Kürze zum Ziele führen. Wo dies nicht der Fall ist, wird man, nach dem Vorbild der Schweiz, durch Volksabstimmung einen Erfolg erreichen, der so sehr in der Richtung des jede Unterschiedlichkeit hassenden Masseninstinkts liegt. Es ist darum, vom Standpunkt rabbinischer Juden, eine schwere Unterlassungssünde jüdischer Publizistik und gewerbsmäßig den Judenhaß bekämpfender Personen, daß sie sich erst viel zu spät mit der Schächtfrage beschäftigt haben und noch immer glauben, durch tumbes Gegrein über antisemitische Vergewaltigung einer Bewegung Herr werden zu können, die eine neue Menschlichkeit gegenüber dem toten Buchstaben durchsetzen zu wollen behauptet. In dieser Situation des Judentums kann nur eines den Ritus retten. Die konsequente Forderung, daß nicht eher neue Schlachtgesetze erlassen werden, als bis eine Kommission vorurteilsloser Männer christlichen und jüdischen Glaubens, in 154