Mannheim
Compact Memory

Die Jüdische Gemeinde · 1927-04-15 · 6 (15.4.1927) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
6 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
Seite 158 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9572329-9573323-9572513--180-9572516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Jüdische Gemeinde / Berlin, 15. April 1927 / I. Jahrg., Heft 6 Zur Antischächt-Bewegung ,,Du sollst nicht kochen das Böcklcin in der Milch der Mutter, sollst nicht verbinden das Maul dem Ochsen, der da drischt, sollst am Ruhetag feiern lassen deinen Esel." Tönt über drei Jahrtausende so zartgesinntes Wort an unser Ohr, oder lesen wir bei den Rabbinen, daß jedes Tier, dessen Todesqual durch die winzigste Messerscharte unnütz gesteigert wurde, vom Beschauer für unrein erklärt werden muß, so ist unbezweifelbar, daß nur das tiefste Mitleid mit der beseelten Kreatur Schöpfgrund des Kaschruth gewesen ist. Das widerstreitet nicht jenen Ergebnissen jüngster Forschung, wonach auch die Alt-Israel umgebenden Völker ähnlichen Brauch und wonach Opferkult und Blut-Mysterium starken Anteil an dessen Entstehung hatten. Darin wuchs ja gerade der Gottes-Mensch Moses über seine Zeitbindungenhinaus, daß er noch der Befriedigung des niedersten Triebes die religiöse Weihe humaner Besinnlichkeit aufdrückte. Für die jüdische Gemeinschaft, die sich in und um diese Zeitschrift kristallisiert hat, deren letztes Ziel die Umschöpfung des jüdischen Menschen aus dem Charleston-Chaotiker in den Moses-Typ ist, kann es daher kein Besinnen geben, was sie zu tun hat, wenn, auf der linken Seite der Wage der rabbinische Buchstabe, auf der rechten lebendes Leid, durch Leichtern einer Seite auch das Leid erleichtert werden kann. Noch ist nicht erwiesen, daß neuere Schlachtmethoden dem jüdischen Schächtschnitt überlegen sind. Eine im Jahre 1894 erschienene Sammlung von 252 Gutachten, die die bedeutendsten Physiologen, Anatomen, Tierärzte und Schlachtkundigen zu Verfassern hat (darunter eins des französischen Professors Charles Richet, dessen kultur-philosophisches Banausentum wenig Sinn für religiösen Brauch hat), weist sogar überzeugend nach, daß das Schächten, weit davon entfernt, Tierquälerei zu sein, der Tötung durch Genick-Stich oder Genick-Schlag. Stirn-Stich oder Stirn-Schuß und andern Schlachtmethoden vorzuziehen ist. Die Wissenschaft aber stürmt mit Maschinen-Geschwindigkeit vorwärts. Was gestern Wahrheit war, kann morgen als logischer Trugschluß erwiesen sein. Wenn daher die heutige Tierschutz-Bewegung, an ihrer Spitze Männer mit weltweiter Gesinnung und voll letztem Erkenntnisdrang, fast einhellig zu anderem Ergebnis gelangt ist, so können wir Juden daran nicht vorüber, ohne den Sinn unserer Religion in sein Gegenteil zu verkehren. Wir mögen das, was jene erkannt zu haben glauben, für falsch halten, wir können aber nicht ihre Argumente ungeprüft ablehnen. 158

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.