Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 149 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9572329-9573323-9572482--171-9572507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
durchaus echten Schmerz empfinden können. Man kann sich nämlich, wie der Schauspieler, durchaus darin üben, echten Schmerz zu empfinden. Wer bei einer Beerdigung erst einmal zugegen war, besitzt die Kunst der willkürlichen Schmerzerzeugung in seinem Innern noch nicht; wer es auf zehn Trauerfeiern zehnmal geübt hat, beherrscht die Technik sicherlich. So wie der Schauspieler nur einmal echten Schmerz empfunden zu haben braucht, um bei dieser Gelegenheit den Ausdruck des Schmerzes zu finden und ihn nun als Maske für alle späteren Vorstellungen aufzubewahren, so ergibt sich auch für den der Konvention sich fügenden Menschen eine Maske, die er für verschiedene Zwecke des „Beileids" — ein entsetzliches, aber dem Gegenstand angemessenes Wort — bereit hält. Während aber der Schauspieler b e w u ß t die Maske als solche formt und gerade, je stärker sein Künstlertum ist, vor der Verlogenheit bewahrt bleibt die die Maske für das Gesicht hält —, ist der Nicht-Schauspieler Herr Geheimer Kommerzienrat Lehmann oder Herr Ministerialdirektor Krause, dessen Maske, als wäre sie sein Gesicht, wir in allen illustrierten Zeitschriften bewundern dürfen, in seine Maske so hineingewachsen, daß er ein eigenes Leben außerhalb ihrer gar nicht mehr führt. Während der gute Schauspieler die Maske seiner Kunst dem echten Gesicht von Leid und Schmerz anpaßt, paßt Lehmann und Krause sein Gesicht so lange der Maske an, die er aus Gründen der gesellschaftlichen Pflicht tragen muß, bis er gar kein Gesicht mehr hat. Es passiert ihm infolgedessen auch nicht, daß er lacht, wenn er zu weinen hat, oder daß er weint, wenn er über einen guten Witz lachen soll. Die Frage des nachdenklichen Lehrers, ob man bei der Beerdigung der Eltern über einen guten Witz lachen dürfe, weist er mit Entrüstung als Zeichen einer bodenlosen Gefühlsroheit zurück. Denn er selbst hat am Grabe seiner Eltern die vorschriftsmäßigen bittren Tränen vergossen, um die „lieben Entschlafenen" später freilich um so schneller zu vergessen. Er hat seine Pflicht getan, wenn er an der richtigen Stelle von Raum und Zeit, also auf dem Friedhof seine . Trauer gefühlt und gezeigt hat. Mehr kann man nicht von ihm verlangen. Denn sollte er vielleicht später einmal die auf dem Friedhof unterlassene Trauer fühlen? Das würde nach seinem Geschmack ebenso dumm wie unwirtschaftlich sein. Denn es\ ist doch möglich, daß er gerade zu dieser Zeit seine Freude darüber zeigen muß, daß die Tochter seines Geschäftsfreundes sich verlobt hat. Hellmuth Falkenfeld. Narischkeiten Im .Jüdischen Echo" vom 31. Dezember 1926 erzählt Chajim Bloch Geschichten aus der Welt der Chassidim. Da kommt etwa folgende Blasphemie heraus: Der Streit mit Gott. „Einige Tage vor Roschhaschanah kam ein Mann zu Rabbi Lewi Jizchak, weinte jämmerlich und klagte, er habe sein Vermögen verloren, habe bereits alles verkauft, was er seit vielen Jahren durch schwere Arbeit und Mühsal erworben hätte und sei nun der härtesten Not preisgegeben. Und aus der Bitterkeit seines Herzens rief er: „Rabbi, von wo wird nun meine Hilfe kommen?" Rabbi Lewi Jizchak sprach: „Komme am Roschhaschanah in mein Bethaus, und wenn icli beim Schofarblasen stehen werde, dann bringe deine Klage nochmals vor. Es geschah; der Mann kam zur bestimmten Stunde und trug seine Klage vor. Rabbi Lewi Jizchak, von dein man weiß, daß er in seinen Forderungen an Gott gar nicht be- 149