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Die Jüdische Gemeinde · 1927-03-15 · 5 (15.3.1927) · p. Seite 148

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
5 (15.3.1927)
Date
1927-03-15
Page
Seite 148 (sequence 24)
Language
German
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Am Rande Friedhofgesichter. Ein Lehrer der vorigen Generation stellte einmal seinen, Schülern folgende Frage: Darf man bei der Beerdigung seiner Eltern lachen, wenn einem zufälligerweise ein guter Witz einfällt? Ich weiß nicht, wie die Schüler diese Frage, die sie natürlich selber nur für einen Witz hielten, beantwortet haben. Aber, was ich weiß, ist, daß der Lehrer sehr vernünftig gefragt hat; sein Fehler war nur, diese Frage an seine Schüler zu richten. Dieser Lehrer hat nämlich richtig erkannt, daß es unter Umständen eine Heuchelei ist, bei jeder Gelegenheit sofort das passende Gesicht machen zu können. Wenn uns eine erschütternde Nachricht trifft, so brauchen wir durchaus nicht sofort in Tränen auszubrechen. Es kann vielmehr sein, daß wir, wenig auf sie gefaßt, durch unser widerstrebendes Unbewußtes auf ganz andere Vorgänge aufmerksam gemacht werden, die uns so beschäftigen, daß wir durchaus noch nicht den Schmerz fühlen, den wir wissen, oder besser gesagt, daß der erkannte Anlaß unseres Leidens noch nicht zu einer aktuellen Auslösung des Leidens führt. Die gesellschaftliche Konvention verlangt aber, daß wir sofort ein ernstes Gesicht machen, wenn wir Trauriges erfahren. Sie verlangt auf der anderen Seite, daß wir sofort unser Gesicht heiter werden lassen, wenn ein guter Bekannter in unsere Stube tritt, der uns — so lieb er uns sonst sein mag — vielleicht gerade im besten Gedankenzuge stört. Man kann der Ansicht sein, daß diese Rücksicht auf die Konvention ohne schädliche Folgen für das Seelenleben der der Konvention sich fügenden Menschen ist. Ich bin genau der entgegengesetzten Ansicht. Man sehe sich einmal die Gesichter der Menschen von heute an, wenn sie lachen und wenn sie weinen. Eines ist genau so unehrlich wie das andere. Man weint vor Schmerz, weil man den Schmerz zeigen muß, man lacht vor Vergnügen, wenn der Bekannte in die Stube tritt, weil man dem Bekannten das Vergnügen, ihn begrüßen zu können, zeigen muß. Der Geschäftsmann zumal muß den Ausdruck seiner Freude und seines Leides sozusagen dem Kunden unentgeltlich mit verkaufen. Der Kunde verlangt, daß, wenn er mit dem Kaufmann in ein Gespräch kommt, dieser vor Freude strahlt, wenn er, der Kunde, von seinem; Glück in der Lotterie erzählt und vor Kummer aschgrau wird, wenn er von dem Tode seiner Schwiegermutter berichtet. „Mach' ein vergnügtes Gesicht", befahl man früher wohl zuweilen dem Kinde, bevor die Tante zu Besuch auf dem Bahnhof anlangte. Und in der Tat, wir haben ein vergnügtes Gesicht gemacht. Und mit dem vergnügten Gesicht ist sogar das Vergnügen, mit dem schmerzerfüllten Gesicht der Schmerz in unser Gemüt gezogen. Denn es ist ein Satz der Psychologie, daß die Ausdrucksbewegungen der Lust- und Unlustgefühle, willkürlich hervorgerufen, assoziativ auch die entsprechenden Lust- und Unlustgefühle hervorrufen. Dann ist doch alles in schönster Ordnung, wird man uns zurufen. Die Menschen sind ja durchaus imstande, echte Gefühle in sich hervorzurufen. Das Fräulein im Kaufladen, das mir Papier mit dem verlangten strahlenden Lächeln verkauft, empfindet ja, durch die Muskelbewegung ihres Gesichts hervorgerufen, so etwas wie echte Freude über das Glück, mich bedienen zu dürfen. Das alles soll zugegeben werden. Und es soll zugegeben werden, daß die Menschen, die bei einer Trauerfeier ihr Gesicht in ernste Falten legen oder gar Tropfen aus ihren Augen fallen lassen, 148

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