Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 147 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Vor dem Kriege erschien bekanntlich als wichtigstes Organ aller Zionisten „Die Welt". Die Zersplitterung Europas machte es notwendig, an Stelle des einheitlichen Organs ein besonderes für jedes Land herauszugeben. In Deutschland wurde das die „Jüdische Rundschau", die sich seither bemüht, ein „Welt"-Ersatz zu sein. Sie ist aber leider nur eine „Welt, in der man sich langweilt". Diese neue Bosheit, die nach der anderen Seite zielte, stimmte mich sofort versöhnlicher, und ich lauschte mit ehrlichem Vergnügen seinen weiteren Ausführungen: „Die anderen jüdisch-nationalen Blätter lassen das redliche Bemühen erkennen, die Fadesse des Hauptorgans ihrer Partei zu vermeiden. Leider bedienen sie sich dabei oft sehr gewagter Mittel. So spielt das „Kölner jüdische W7 o c h e n b 1 a 11" den wilden Mann bolschewistischer Couleur und hat es mit dieser Taktik glücklich so weit gebracht, daß die braven Gemeinderepräsentanten von Köln dem Blatte die Führung seines früheren Untertitels „Kölner Gemeindezeitung" untersagt haben. Wirklich amüsant, anscheinend ohne besondere Anstrengung, sind aber nur die beiden orthodoxen Blätter, die in Frankfurt am Main erscheinen: „Der Israelit" der Trennungsorthodoxie und das „Jüdische Wochenblatt" der Achduth. Diese beiden Zeitungen sind wahre Perlen journalistischer Fixigkeit. Ereignisse, die sich im Februar abspielen, melden sie mit Seelenruhe im Oktober, und Tagungen, die im Juni abgehalten werden, gelangen frühestens im Dezember zur Veröffentlichung. Unter solchen Umständen sind die orthodoxen Leser beider Schattierungen sehr glücklich darüber, daß ihre frommen Redakteure wenigstens schon von der Gesetzgebung am Sinai erfahren haben. Das genügt ihrem Informationsbedürfnis . . . Und weil sich die Extreme berühren, ist von der „J ü d i s c Ii - liberalen Zeitung" etwas ganz Analoges festzustellen. Ihre lokale Berichterstattung hält zwar im allgemeinen besser Schritt mit der Zeit als die der orthodoxen Blätter. Dafür hat sie sich auf der ersten Seite eine merkwürdige Taktik der Riesen-Buchstaben zurechtgelegt, die andere Zeitungen nur bei der Meldung besonderer Sensationen anwenden. Ein Straßenpassant, dem im Vorübereilen bei einem Zeitungskiosk die gewaltigen Lettern der „Jüdisch-liberalen Zeitung" auffielen, kaufte rasch das Blatt und las gespannt die Ueberschrift: „Sukkaus —das Fc t des Frieden s." Enttäuscht wandte er sich an den Verschleißer: „Ist das eine Neuigkeit?" Worauf der Zeitungsmann ihm versicherte: „Für die Liberalen ist es eine . . ." „Nichts für ungut!" setzte N. seine Rede beschwichtigend fort, als er bei mir Spuren aufflackernden Unmuts bemerkte, „ich wollte dir ja nur zeigen, wie sich Extreme berühren. Das darf uns aber die Vorzüge jener Presse nicht übersehen lassen, die zwischen den Extremen zu vermitteln sucht. Da ist z. B. das Hamburger „Israelitische Familienblatt", das ausschließlich der Vermittlung ge- -w§iht ist. Vorn vermittelt es zwischen den Parteien, hinten vermittelt es Ehen . . ." In diesem Augenblick brüllte uns ein Zeitungskolporteur in die Ohren: „Der „Völkische Beobachter", der „Fridericus"!" Mein Freund erstand das Hitlerblatt. Ganz entrüstet fragte ich ihn, was das zu bedeuten habe. Er erwiderte mit blasiertem Lächeln: „Das, was mir die sogenannten jüdischen Zeitungen vom Judentum zu erzählen wissen, das habe ich alles schon in der Jeschiwah gelernt. Aber das, was der „Völkische" vom Judentum enthält, das weiß nicht einmal der gelehrteste Rabbi. Darum ist die interessanteste jüdische Zeitung . . " „Der Völkische Beobachter!" brüllte der Kolporteur, neue Käufer suchend. 147