Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 138 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Das ist die Geschichte einer Gegnerschaft, zu der das bürgerliche Rindvieh alier Klassen und Rassen „Literatengezänk!' biökt. Wie dumm ist grade hier dies dumme „Schimpfwort"! Ja, die Gegner hier waren gottseidank Literaten; sie konnten ja schreiben, im Gegensatz zu Sudlern, die bloß „Literat!" ze ern können; — aber sie vollführten kein „Gezänk" (man zankt sich um Bagatellen, nicht um ewige Werte), sondern ein erschütterndes Ringen, W e n erschütternd? Uns — die selbst noch ringen. Warum erschütternd? Weil wir um die Lösung ebender „Antinomie14 ringen, derenwegen sie rangen. „Antinomie" (in Gänsefüßchen): denn „nazarenisch* - „hellenisch", .asketisch" - „lebensheiter", „bildfeindlich1* - «entfaltungsstolz*, „vergeistungssüchtig" - s real istisch* — keiner dieser Gegensätze kommt von Naturgesetzen; jede dieser Antithesen ist durch Synthese ersetzbar. Ein heiter-hehrer Typus läßt sich denken: stürmisch der Sinnlichkeit des Dionysos folgend, die von der Sittlichkeit des Gekreuzigten nicht gehemmt wird, sondern gelenkt; t eu dem nazarenischen Logos folgend, den hellenischer Eros nicht aufhält, sondern beflügelt. Daß solch Idealtyp heut nirgends in Reinkultur lebt, nimmt uns wreder den Glauben, wir könnten uns oder, durch unser Beispiel, unsere Nachfahren zu ihm erziehen, noch nimmt's uns das Recht, den Wert andrer Typen, auch toter, mit seinem Wert zu vergleichen. Losj Vergleichen wir den mehr sittlichen Börne und den mehr sinnlichen Heine mit dem sittlich-sinnlichen Ideattyp! Wer kam ihm näher? Vom Sirius aus gesehn: unzweifelhaft Heine. Der fühlte sich heimisch zwar nur in der rein ästhetischen Sphäre, war aber manchmal bereit und imstande, Abstecher in die rein ethische zu unternehmen — während Börne zu Ueberiritten aus der rein ethischen in die rein ästhetische Sphäre . . . wenn schon imstande, so doch niemals bereit war. Ueberhaupt war Heine seelisch weiter, geistig breiter, künstlerisch voller als Börne; unterm Gesichtswinkel der Kultur bedeutender also — vom Sirius aus gesehn. Von der Erde aus aber gesehen, auf der wir halt leben, von diesem engen, geistfernen, kunstarmen Tummelplatz für Idioten und Schufte, wo selbst der beschaulich-aktive Synthese-Typ, der Idealtyp, den ich uns vorhin malte, mehr (sozial-)aktiv als beschaulich sein müßte — von dieser Kot-Kugel aus gesehn wirkt der nicht bloß Saubre, nein: Säubernd-Tätige, wirkt Börne wie? Wie ein Gigant. Und Heine? Wie ein Popel. 138