Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 137 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Göttern gefunden wird." In dem bewußten Qott Heine ist keine garte, als er den Nazarener Börne verläßt; auch keine joie; bloß degout. Erst nach vier Jahren sehn sie sich wieder, in Börnes Pariser „Exil", wo Politik floriert und Poesie krepiert. Es ist eine Lust, da zu leben — für Börne; für Heine: ein Brechreiz. Da keiner der beiden aus seiner Sphäre in die des andern hineinwill, ekelts ihnen sachte voreinander; sie pfeifen leise aufeinander; sie gehn auseinander. Heines „Französische Zustände" erscheinen; und Börnes „Briefe aus Paris", und darin diese Attacke: „Soll ich über Heines „Französische Zustände" ein vernünftig Wort versuchen? Ich wage es nicht. Das fliegenarlige Mißbehagen, das mir beim Lesen des Buches um den Kopf summte und sich bald auf diese, bald auf jene Empfindung setzte, hat mich so ärgerlich gestimmt, daß ich mich nicht verbürgen kann — ich sage nicht: für die Richtigkeit meines Urteils, denn solche anmaßliche Bürgschaft übernehme ich nie — sondern nicht einmal für die Aufrichtigkeit meines Urteils. Dabei bin ich aber besonnen genug geblieben, um zu vermuten, daß diese Verstimmung nicht Heines Schuld ist. Wer so große Geheimnisse wie er besitzt, als wie: in der dreihundertjährigen Unmenschlichkeit der österreichischen Politik eine erhabene Ausdauer zu finden und in dem Könige von Bayern einen der edelsten und geistreichsten Fürsten, die je einen Thron geziert; den König der Franzosen, als hätte er das kalte Fieber, an dem einen Tag für gut, an dem andern für schlecht, am dritten wieder für gut, am vierten wieder für schlecht zu erklären; wer es kühn und großartig findet, daß die Herren von Rothschild während der Cholera ruhig in Paris geblieben, aber die unbezahlten Mühen der deutschen Patrioten lächerlich findet; und wer bei aller dieser Weichmütigkeit sich selbst noch für einen gefesteten Mann hält — wer so große Geheimnisse besitzt, der mag noch größere haben, die das Rätselhafte seines Buches erklären; ich aber kenne sie nicht. Ich kann mich nicht bloß in das Denken und Fühlen jedes andern, sondern auch in sein Blut und seine Nerven versetzen, mich an die Quelle aller seiner Gesinnungen und Gefühle stellen, und ihrem Laufe nachgehen mit unermüdlicher Geduld. Doch muß ich dabei mein eigenes Wesen nicht aufzuopfern haben, sondern nur zu beseitigen auf eine Weile. Ich kann Nachsicht haben mit Kinderspielen, Nachsicht mit den Leidenschaften eines Jünglings. Wenn aber an einem Tage des blutigsten Kampfes ein Knabe, der auf dem Schlachtfelde nach Schmetterlingen jagt, mir ^zwischen die Beine kommt; wenn an einem Tage der höchsten Not, wo wir heiß zu Gott beten, ein junger Geck uns zur Seite in der Kirche nichts sieht als die schönen Mädchen, und mit ihnen liebäugelt und flüstert — so darf uns das, unbeschadet unserer Philosophie und Menschlichkeit, wohl ärgerlich machen." Sieben Jahre nach dieser Attacke, als Börne schon drei Jahre tot ist, wagt Heine die Gegen-Attacke: er schreibt das Pamphlet Ludwig Börne. Finis. 137