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Die Jüdische Gemeinde · 1927-03-15 · 5 (15.3.1927) · p. Seite 136

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
5 (15.3.1927)
Date
1927-03-15
Page
Seite 136 (sequence 14)
Language
German
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er zu eng oder zu weit. Er schien weder groß noch klein von Gestalt weder mager noch dick, sein Gesicht war weder rot noch blaß, sondern von einer angeröteten Blässe oder verblaßten Röte, und w7as sich darin zunächst aussprach, war eine gewisse ablehnende Vornehmheit,, ein gewisses Dedain, wie man es bei Menschen findet, die sich besser als ihre Stellung fühlen, aber an der Leute Anerkenntnis zweifeln. Es war nicht jene geheime Majestät, die man auf dem Antlitz eines Königs oder eines Genies, die sich inkognito unter der Menge verborgen halten, entdecken kann; es war vielmehr jener revolutionäre, mehr oder minder titanenhafte Mißmut, den man auf den Gesichtern der Prätendenten jeder Art bemerkt. Sein Auftreten, seine Bewegung, sein Gang hatten etwas Sicheres, Bestimmtes, Charaktervolles..... Ich vergaß nie den Doktor Börne, welcher gegen die Komödianten schrieb." Zwölf Jahre später. Heine kommt, nach langer Zeit, auf einer Reise durch Frankfurt und besucht Börne, von dem er nun_ schon genug gelesen hat, um ihm für seine Originalität, seine Wahrheitsliebe,, seinen edlen Charakter je einen Lobstrich geben und an der Unbeholfenheit" seiner Prosa „mäkeln" zu können. Der hat von ihm auch manches gelesen und empfängt ihn, das merkt Heine, „mit Herzlichkeit und Liebe". Sie plaudern stundenlang miteinander — und werden nicht warm miteinander. Als sie sich Komplimente machen, läßt Börne „bisweilen in den schäumenden Kelch des Lobes einen leisen Tadel eintröpfeln", etwa: Heine habe in seinen „Reisebildern" mit übertriebener Ehrfurcht von dem Napoleon gesprochen,, der doch nur ein Despot gewesen sei. Und „in seinen Aeußerungen über Goethe, auch in seiner Beurteilung anderer Schriftsteller, verriet Börne", verrät später Heine in dem Buch Ludwig Börne, „seine nazarenische Beschränktheit". Ich sage nazarenisch, um mich weder des Ausdrucks „jüdisch" noch „christlich" zu bedienen, obgleich beide Ausdrücke für mich synonym sind und von mir nicht gebraucht werden, um einen Glauben, sondern um ein Naturell zu bezeichnen. „Juden" und „Christen" sind für mich ganz sinnverwandte Worte, im - Gegensatz zu ,,Hellenen'', mit weichtm Namen ich ebenfalls kein bestimmtes Volk, sondern eine sowohl angeborene als angebildete Geistesrichtung und Anschauung bezeichne. In dieser Beziehung möchte ich sagen: alle Menschen sind entweder Juden oder Hellenen, Menschen mit ascetischen, bildfeindlichen, vergeistungssüchtigen Trieben, oder Menschen von lebensheiteremr entfaltungsstolzem und realistischem Wesen..... Börne war ganz Nazarener, seine Antipathie gegen Goethe ging unmittelbar hervor aus seinem nazarenischen Gemüte, seine spätere politische Exaltation war begründet in jenem schroffen Asketismus...... Börne hatte Lustigkeit, gaite, nicht Freude, joie; die Nazarener haben zuweilen eine gewisse springende gute Laune, eine witzige eichkätzchenhafte Munterkeit, gar lieblich kapriciös, gar süß, auch glänzend, worauf aber bald eire starre Gemütsvertrübung folgt: es fehlt ihnen die Majestät der GenußseHgkeit, die nur bei bewußten 136

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