Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 135 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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sagt — nötigenfalls revolutionär erscheinende Wege sind zu beschreiten. Bitte nicht zu erschrecken: nur revolutionär „erscheinende" Wege. Uralte Schriftworte geben dem Armen ein Recht auf Hilfe. Uralte Schriftworte fordern vorbeugende, produktive Fürsorge. Uralte Schriftworte verwerfen Hochmut im Herzen der Geber, Demütigung in den Seelen der Nehmer zeitigende Almosen, die in den Statistiken mit gewaltigen Zahlen blenden, dem einzelnen Hilfsbedürftigen aber nicht — oder nur sehr wenig — helfen. Große Summen werden so verpulvert, Verbitterung zeitigend, ohne der jüdischen Not Abbruch tun zu können. Soziale Beruhigungspulver für das eigene Gewissen. So wirkt diese Unterstützerei mit drei, fünf Mark, mit einmaligen Lebensmittelpaketen und Chanukageschenken. Gewiß freut sich der Empfänger — was soll er auch machen —, aber es bleiben doch nur soziale Beruhigungspülverchen. Nicht zu stark dosiert, sie könnten sonst zu leicht aufregen. Man spricht so oft von sozialer Arbeit. Selten aber wird sie zu wahrhaft sozialer Tat. Wir Juden haben auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege einen alten guten Ruf zu verteidigen. Nicht der Ehre, sondern unseres Gewissens halber. Und deshalb verdient das wichtige Kulturgebiet der Wohlfahrtspflege nicht nur „wohlwollende" Beurteilung, die Geringschätzung wäre. Wir haben allen Grund zum Zweifel, ob wir auf dem rechten Wege sind. Nur durch forschenden Zweifel kommen wir zur Wahrheit und zum Aufbau jener Wohlfahrtspflege, die die Nöte unserer Tage, wenn nicht zu überwinden, so doch tragbarer zu machen geeignet ist. Böme COntra Heine von Franz Leschnitzer Für EMMY MAYBAUM Ein Tag des Jahres 1815. Der achtzehnjährige Heine sitzt im Lesekabinett einer der Frankfurter Logen, wo, wie er später in seinem B5rne-Buch schreibt, sein Vater ,,oft soupierte, Kaffee trank, Karten spielte und sonstige Freimaurer - Arbeiten verrichtete", und liest Zeitungen. Da sagt dem Jungen einer, der neben ihm sitzt, leise ins Ohr: „Das ist der Doktor Börne, der gegen die Komödianten schreibt!" „Als ich aufblickte", schreibt Heine, „sah ich einen Mann, der, nach einem Journale suchend, mehrmals im Zimmer sich hin- und herbewegte und bald wieder zur Thür hinausging. So kurz auch sein Verweilen, so blieb mir doch das ganze Wesen des Mannes im Gedächtnisse, und noch heute könnte ich ihn mit dip'omatischer Treue abkonterfeien. Er trug einen schwarzen Leibrock, der noch ganz neu glänzte, und blendend weiße Wäsche, aber er trug dergleichen nicht wie ein Stutzer, sondern mit einer wohlhabenden Nachlässigkeit, wo nicht gar mit einer verdrießlichen Indifferenz, die hinlänglich bekundete, daß er sich mit dem Knoten der weißen Kravatte nicht lange vor dem Spiegel beschäftigt, und daß er den Rock gleich angezogen, sobald ihn der Schneider gebracht, ohne lange zu prüfen, ob 135