Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 134 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Menschen, die den Pulsschlag der Zeit nicht empfinden, nicht fühlen können. Warum haben schon immer anerkannte jüdische Fachleute des Fürsorgewesens grade in der Wohlfahrtspflege ihres Glaubens keine Rolle gespielt? Warum ist dies auch heute noch oft der Fall? Sie sind zu unbequem! Der Geist der jüdischen Wohlfahrtspflege ist ihnen zu eng, — nicht etwa die soziale Ethik des Judentums, sondern die angewandten praktischen Methoden und Formen. Warum sind jüdische Sozialbeamtinnen wohl in leitenden Stellen der öffentlichen Fürsorge tätig, in der jüdischen Wohlfahrtspflege aber selten und nur in untergeordneter Stellung zu finden? „Ehrendamen" sind billiger? Gewiß, sie belasten nicht den Unkostenetat. Sie sind keineswegs zu entbehren. Ob sie aber sozialpolitisch vorausschauende, volkswirtschaftlich durchdachte Wohlfahrtspflege treiben können? Das gute Herz allein genügt heute nicht. Auch nicht in Verbindung mit gefüllter Brieftasche. In Ermittlungen, Prüfungen, Fragebogen und Akten erschöpft sich nicht jüdische Wohlfahrtspflege. So wenig wie in Tagungen, Zeitschriften und Büchern. Auch nicht im Geldschnorren, Verzeihung, in Wohlfahrtssammlungen oder gar Wohltätigkeitsfesten. Neue Wege sind zu beschreiten mit neuen und jungen Kräften. Die Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege ist im allgemeinen gelungen. Die „Zentralwohlfahrtsstelle der Juden" hat Großes erreicht. Sie hat Form und Gestalt geschaffen. Ihre jetzige Krise — von der noch einmal zu reden sein wird — ist die naturgegebene Folge einer gewaltsamen Zusammendrängung. Zersplitterter, lebenskräftiger und weltfremder Kräfte — Menschen mit alten und neuen Ideen — im Geiste freier und unfreier Personen — starker und schwacher Organisationen mit wahrhaft jüdisch-sozialen und — nun, sagen wir — weniger sozialen Tendenzen. Diese gewaltsame Bindung war notwendig, der jetzige Konflikt — nicht frei von menschlichen Schwächen — ebenfalls erforderlich. Die Krise wird bald überwunden sein. Dann aber sind nicht lediglich organisatorische Maßnahmen ausreichend. Altjüdisch-traditioneller Wohltätigkeitssinn muß innigste Verbindung mit modern-sozialpolitischen Erfordernissen eingehen! Nicht nur in den Hauptausschüssen und in den Hirnen einiger Vorstandsmitglieder. Selbst in die kleinsten Gemeinden muß wenigstens ein Hauch dieses Atems dringen. Kongreßpathos allein genügt nicht. Deshalb muß frisches Blut hinein in den alten Körper! Männer und Frauen aller Gesellschaftsklassen, vor allen Dingen aus den Schichten der hilfsbedürftigen Bevölkerung selbst: Ruft man Euch nicht, so dringt uneingeladen hinein. Laßt Euch durch sauertöpfische Mienen nicht beirren. Bildet neue Zellen im Organismus des alten jüdischen Wohlfahrtskörpers. Regenerierend und, wenn es not tut, auch revolutionierend. Nicht des Kampfes halber gegen die alten Träger der jüdischen Wohlfahrt. Ihr bremsender Hemmschuh soll keineswegs sofort beseitigt, ihre Verdienste nicht verkannt werden. Aber auch nur anerkannt für Vergangenheit und Uebergangszeit. Neue, — und noch einmal sei es ge- 134