Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 132 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Brust schlagen und sich sagen: dal] er am Antisemitismus allerdings eine nicht unbeträchtliche Mitschuld hat. Hier ist noch ein gut Stück wesentlichster Selbsterziehung zu leisten. — Was befremdet und erbittert am modernen Juden noch zumeist? Sein ideologischer Radikalismus, mag er . auch immerhin aus edleren Quellen gespeist sein. Gerade dies gibt einem gewissen Judentypus seine ewige Unvornehmheit und Unreife. Warum fühlt der Jude fast durchweg unnational und revolutionär?! Zugegeben, es sind Begründungen und Entschuldigungen dafür vorhanden. Man darf sagen, daß dem deutschen Juden ein starkes, vor allem kulturell begründetes Deutschgefühl gewiß nicht fehlt, und es wäre auch unnatürlicn, wenn es anders wäre; gerade die besten Juden hängen zugleich oft mit tiefer Liebe am Deutschtum (wie sich denn eine gewisse Verwandtschaft der Rassennaturelle trotz allem feststellen ließe, auch oft festgestellt wurde); ja, selbst der Bluts-Abstand vermag diese Liebe nicht nur nicht zu mindern, sondern in gewissem Sinne, gerade aus der Sehnsucht der Teil-Entfremdung heraus, zu steigern. Aber freilich wird es dem Juden nicht leicht gemacht, national zu fühlen; ja, der Patriotismus wird ihm oft systematisch verekelt. Man reißt ihm jenes letzte Fremdheitsgefühl schmerzhaft ins Bewußtsein. Günstigsten Falles erwartet man von ihm Charakterschwäche, Verleugnung der Ursprungsrasse und Abfall von ihr — aber dazu wird sich kein Stolzer, sich selbst Achtender verstehen. Und ein gut Teil jenes unorganischwurzellosen Radikalismus ist hierin begründet — ein anderer Teil aber im demokratisch-kollektivistischen „Ressentiment", jenen nicht durchweg lauteren und erfreulichen Neidgefühlen, die nichts über sich dulden mögen und der persönlichen Ueberlegenheit und Vornehmheit todfeind sind. Beides muß trotz allem in gewissen Grenzen überwunden werden: der unorganische Radikalismus der ewigzwanzigjährigen Gehirne (man denkt an Miquels teilwahres Scherzwort: „Wer mit zwanzig Jahren nicht radikal ist, ist ein Esel, und wer es mit vierzig Jahren noch ist, ist auch einer!") — und jenes Ressentiment, das ausgesprochen plebejisch ist — denn noch kein wahrhaft Vornehmer ward dauernd (nach Goethes Wort) auf dem Neidpfad getroffen. Aktivismus an seinem Platze — aber es ist typisch instinktlos, vom Geist und der Kunst Programm- und Tendenzmusik statt — guter Musik zu verlangen. Ein anderer Juden-Typus als der heut geläufige muß emporkommen: ein bewahrender, sachlicher, vornehmer. Ueber Sensationalismus und Intellektualismus, über Zersetzung, Formlosigkeit und Massenhaftigkeit hinaus muß der Jude wieder seiner tieferen und edleren Wesensgründe bewußt, persönlich und schöpferisch werden. Damit wäre der Antisemitismus gewiß nicht erledigt, aber in seinen Giften geschwächt und bei allen Besseren um den Kredit gebracht. Und auf solches Judentum dürfte man wieder uneingeschränkt stolz sein. 132