Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 131 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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man sie als Ganzwahrheit aussprechen, vollends als Jude?! — Der andere schrieb gelegentlich einer Umfrage: „Was ich bin und was ich habe, dank' ich dir, mein Judentum". Ehrlich und sympathisch — aber derselbe Literat fände vermutlich des Spottens kein Ende, wenn ein „Teutone" entsprechend seinem Deutschtum huldigte. — Man muß schon ein wenig systematisch vorgehen und sich freilich dabei auch wieder vor Ungerechtigkeit hüten: denn die Motive sind öfter recht verwickelt, und auch dem irgendwie irrenden Streben braucht keineswegs der Idealismus abgesprochen zu werden. — Jüdischer Pazifismus — ja wer wollte die großen ethischen Idealwerte leugnen, die gerade in diesen Bestrebungen wirksam sind, und wem wäre nicht ewiger Friede rein gefühlsmäßig ein Ziel, aufs innigste zu wünschen?! Aber welcher Mangel an Tatsachensinn, der die leicht beieinander wohnenden Gedanken mit den hart im Räume sich stoßenden Sachen verwechselt — und welcher ein wenig platte und philiströse „Fortschritts"-Optimismus, der in naiv-egozentrischer Diesseitigkeit noch kaum je von der Relativität des Menschlichen und der unaufhebbaren Grundtragik alles Daseins durchschüttert wurde: — Der jüdische Literatur-Aktivismus, sicher oft von idealer Gesinnung, manchmal freilich nur von demagogischer Wichtigtuerei bestimmt, gehört auch in diese Linie. Man kann sagen: daß durch dieses Hinauszerren des Geistes in die „Aktivität" von Tag und Gasse nicht nur alles höhere, einsame Eigenmenschentum, sondern auch die beste, geruhsamste kontemplative Kraft und Tiefe der jüdischen Seele selbst verleugnet wird. In diesem modernen jüdischen Intellektualismus tritt eben überhaupt von den beiden gegensätzlichen Seelen des Judentums nur die eine, flachere, hervor. Logokratie: wie bezeichnend, ja verräterisch dieses Schlagwort des Aktivismus! Herrschaft der Vernunft! Als ob die Welt vernunftgeboren und auf Vernunft zu gründen wäre! — Es täte diesen Herren gut, einen Kursus Schopenhauer durchzuschmarutzen —1 aber das erscheint ihnen wohl als unzeitgemäße quietistischc Metaphysik. . . . Ließe sich nicht beinahe eine knifflige Pilatus-Frage stellen: Was ist Vernunft? Aber so weit getriebene Skepsis könnte zynisch scheinen. — Jedenfalls aber arbeiten diese Herren mit einer für differenzierte Gehirne unzulässigen Vereinfachung des Weltbildes; die Dinge sind in Wahrheit ungleich irrationaler und verwickelter. Es geht dem modernen Juden, dem Erben einer uralten Kultur, dem Opfer des Ghettos, dem Kinde einer modernen großstädtischen Nerven- und Gehirn-Zivilisation, etwa so, wie es dem reizbarempfindlichsten Menschen überhaupt zu gehen pflegt: er ist in seinem Eigengefühl ungeheuer verletzlich — bis zum Zusammenzucken unter leisester Berührung — aber er ist aus versagendem Instinkt, aus mangelnder Einfühlung stets in Gefahr, die Gefühle der anderen zu verletzen. Ihm fehlt zumeist die so notwendige, wenn aucli eben die Stoßkraft schwächende Einsicht, daß der andere auf anderer Stufe, aus anderen Wesens- und Lebensbedingungen heraus, anders denken und fühlen muß. Mag ein gewisser moderner Judentypus an seine