Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 5 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 126 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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bedingt; dennoch ist der deutsche Jude zugleich so tief von deutscher Kultur durchtränkt, mit deutscher Kultur verflochten, daß er sich zu einem großen, im persönlichen Einzelfall vielleicht überwiegenden Teil weit über alle höchst fragwürdige Blutmystik hinaus als Deutscher fühlen darf. (Wie denn auch die in anderen Ländern, Rassen, Kulturen heimischen Juden eine nicht durch bloße Mimicry zu erschöpfende, sondern wesenhaft-tiefgehende Typen- und Kulturangleichung zeigen.) — Andererseits wäre es aber wieder so töricht wie unwürdig, die besonderen, durchschlagenden und unverwüstlichen jüdischen Rassenzüge zu leugnen, die für gewesene und kommende Jahrtausende die Kraft und den Stolz dieser Rasse bedeuten ... Man muß den Mut zu diesem nichts weniger als kompromißlerischen, vielmehr das Problem zu Ende denkenden Einerseits — Andererseits haben, ohne den naheliegenden Vorwurf der Dialektik und Rabulistik und die weit schlimmere, allen weitsichtigen Geistern drohende Gefahr hamletischer Willenslähmung zu scheuen. Den naiven Geist mag vor Problem-Labyrinthen verzweifeltes Grausen schütteln; der echte, nicht feig vor dem Ziele ausbiegende Erkenntniswille sucht und bejaht das Labyrinth .... Kritik, Dialektik, Rabulistik — was ist in Gut- und Böswilligkeit dem Juden öfter zuerkannt worden als gerade diese manchmal verhängnisvolle Neigung und Begabung? —- Aber gerade hier stößt der sachlich-überparteiliche Betrachter wieder auf eine merkwürdige Paradoxie. Das dialektisch stärkstveranlagte Volk dringt nicht bis zu letzten Tiefen der Dialektik vor; die am meisten zum Relativismus neigende Rasse wird sich selbst nicht relativ; der Kritizismus macht vor der Selbstkritik halt — es sei denn in einer sehr dünnen, quasi-dekadenten Edelschicht, die an Zahl und Macht leider kaum ins Gewicht fällt. Widerspruch der Widersprüche: Diese höchstintelligente, höchstkritische Rasse sieht sich selbst nicht. Und dies ist Sitz und Quell vieler Uebel, vor allem auch jenes in wenigen Edel- und vielen Pöbelfarben schillernden Hauptübels: Antisemitismus. — Sicher: es gibt neben dem nur mit Verachtung abzutuenden Gassen-Antisemitismus auch einen edleren — nicht zum wenigsten im Schöße des Judentums selbst. „Alles Vornehme ist im Wesentlichen ablehnend" hat Goethe gesagt. Ablehnend ist notgedrungen auch die zumeist nur kleine Auslese gegen die Pöbelzüge im eigenen Volkstum. — Ablehnend ist der große Prophetenzorn, der den schärfsten Blick, das schärfste Wort für Entartungen und Minderwertigkeiten des eigenen Blutes hat — der sein Volk züchtigt, weil er es lieb hat. — Ablehnend ist vor allem der geniale Einzel- und Eigenmensch, der sich keiner Gesamtheit, auch nicht der eigenrassigen, einfügen kann und darf. Es handelt sich hier natürlich immer nur um wenige auserwählte Einzelne, die im Judentum nicht eben häufig sind, gegebenenfalls aber besonders scharf ausgeprägt scheinen — und dies wohl mit gutem Grund: denn gerade weil im Judentum der demokratisch-kollektivistische Grundzug selbst fast bis zu genialer Ueberstärke gesteigert ist, muß im seltenen Einzel- 126