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Die Jüdische Gemeinde · 1927-03-15 · 5 (15.3.1927) · p. Seite 127

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
5 (15.3.1927)
Date
1927-03-15
Page
Seite 127 (sequence 5)
Language
German
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fall geniale Ichbehauptung besonders schrille, leidenschaftlichbewußte Formen annehmen. In dieser Linie liegt etwa Weiningers boshaft-geistreiche Symbolik der „Fliege", unter deren Sinnbild sich ihm das Judentum darstellt (Massenhaftigkeit, Summen und „Zucker"!). — Diese genialen Eigenbrödler bilden sicher das psychologisch interessanteste Kapitel dieser ganzen Problematik. Sind nicht schließlich alle großen Juden — wenn mans nur mit dem nötigen „Körnchen Salz" verstehen will — „Antisemiten" gewesen — von Jesus bis zu Spinoza und Weininger?! Das fällt nicht oder doch nur in sehr beschränktem Maße dem Judentum als solchem zur Last — denn im Grunde ist es das typische Verhältnis des genialen Einzelnen zu Masse und Volkstum, auch dem eigenen. Gaben sich nicht z. B. gerade die größten Deutschen — Goethe, Hölderlin, Schopenhauer, Nietzsche — in manchen Aeußerungen als leidenschaftliche Anti-Germanen?! — Und die großen Individualisten vom Schlage und Range Swifts widerstrebten von je der Bindung an irgendwelche Typik und Kollektivität .... Daß auch die Unberufenen gelegentlich auf Genietum und Eigenbrödelei posieren und antisemitelnde Starkgeisterei herauskehren, ist natürlich nicht zu vermeiden. Und daß auch im Antisemitismus der wirklich Genialen manchmal ein ganz oder halb krankhafter Selbsthaß mitschwingt, läßt sich auch nicht wohl leugnen. Man kommt hier eben nicht um das merkwürdige Paradoxon herum: die Genialen sind die rassigsten und überrassigsten Geister zugleich — Repräsentanten und Ueberwinder ihrer Rasse in einem. Man sieht jedenfalls, daß sich unter dem groben und eindeutigen Begriff „Antisemitismus" vielerlei, in Wesen und Haltung sehr verschiedene Spielarten zusammenfassen. Es gibt auch einen edlen, kritisch-überlegenen Antisemitismus, der die Problematik des jüdischen Wesens würdigt und manchen Zug schärfer erfaßt, als ihn der sich selbst zu nahestehende Jude zu erfassen vermag (z. B. jene vielberufene „Lebensverbissenheit" des Juden). — Es gibt jenen „höheren" Antisemitismus, der eigentlich ein ungeheures Kompliment für das Judentum ist und einer fast superlativischen Bewunderung jüdischen Wesens verteufelt ähnlich sieht — jenen Antisemitismus, der die fabelhafte geistige Regsamkeit und Durchschlagskraft, die Vielfältigkeit und Doppelbodigkeit des Juden gerade in der Art polemischen Widerstrebens anerkennt. — Es gibt endlich den allgemein-menschlichen Haß der Echten gegen das Unechte, der in solchem Falle nur einmal die besondere Form des Rassenhasses annehmen mag — und zu diesen Echten gehören auch die „positiven", traditionstreuen, glaubens- und gesetzstrengen Juden, die mit Recht gewiß auch keine besonderen Freunde des „Kurfürstendamms", also in gewissem Sinne selbst — Antisemiten sind. — Es ist die alte Geschichte: Der hochstellende Einzelne, die kleine, oft besonders gute jüdische Auslese büßt für die vordringliche Form- und Taktlosigkeit des unleugbar noch vielfach Ghettoreste mit sich schleppenden Pöbels. Man bedenke nur, wie sehr die erdrückende Mehrzahl der

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