Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 4 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 123 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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füllen, die nämlich, die Ideen der Völkerverbrüderung zu verbreiten." Sagen Sie das den deutschen Juden und ihrem Reichsausbund jüdischer Frontsoldaten! Chorsänger. Sie schreiben mir: „Das Tragende des modernen Gottesdienstes, das, was den Gemeindegesang zusammenhält, ist der Chor. Im umgekehrten Verhältnis zu seiner Bedeutung steht aber in zahlreichen Gemeinden die Besoldung seiner Mitglieder, derer, die den jüdischen Chorgesang zu pflegen und zu erhalten haben. Man muß wieder auf Berlin weisen, das als größte jüdische Gemeinde Deutschlands ja in allen Verwaltungsfragen richtunggebend ist. Während alle Gruppen gegenüber dem Frieden erheblich gesteigert worden sind, erhalten wir noch immer das monatliche Friedensgehalt von 60 Mark. Während alle Funktionäre, auch die Minjanleute, Wirtschaftsbeihilfen erhalten, sind wir von allen Vergünstigungen ausgeschlossen. Es handelt sich für die Chorsänger allerdings um eine Nebenbeschäftigung, aber um eine, bei der man vertragsgemäß ständig zur Verfügung zu stehen, nicht nur bei Gottesdiensten, sondern auch bei Proben, Trauungen, Beerdigungen mitzuwirken hat. Für das Singen an allen Feiertagen erhalten wir eine Sondervergütung von 15 Mark (Aushilfssänger allein für die hohen Feiertage und Sukkoth 60 Mark). Als jünst die Repräsentantenversammlung eine Erhöhung des Monatsgehalts auf 75 Mark bewilligt hatte, hat der Gemeindevorstand den Beschluß kassiert, weil dieselbe Versammlung, die eben noch für die Etatberatung legal war, angeblich des Tagungsrechts entbehrt. In den Familien vieler Chormitglieder herrscht bitterste Not. Was, Herr Doktor, sollen wir nur machen?" Aber nichts als verhungern und Euch noch im Todeskampfe in dem Gedanken ergetzen, daß Eure Vorstandsmitglieder, entgegen dem ausdrücklichen Beschluß beider Körperschaften, das Doppelte Eures Hungerlohns an Aufwandsentschädigung für Fahrgeld einheimsen. Berliner Gemeindevorsteher. Wer will, bei diesen aufgeregten Zeitläuften, Euch verargen, daß Ihrs mit der Behäbigkeit des alten Lustspiel-Schmarrens „Die dritte Eskadron" haltet: „Bei Schweinderl merkt man wenigstens gleich, daß es a Schwein ist". Da man das beim Menschen mit letzter Gewißheit niemals feststellen kann: also Euern Generalsekretär, den Doktor Josef Meisl, haltet Ihr für einen Ehrenmann. Der wiederum hat es vierzig Jahre lang egalweg mit Georg Christoph Lichtenberg gehalten: „Wenn ich die Genealogie der Dame Wissenschaft recht kenne, so ist die Unwissenheit ihre ältere Schwester, und ist denn das etwas so Himmelschreiendes, die ältere Schwester zu nehmen, wenn einem die jüngere auch zu Befehl steht?" Er hat sich, um in Lichtenbergs Stil zu bleiben, als »einer von den Negersklaven in den Plantagen der Literatur" aufgemacht und erwogen: „Daß die Plagiarii so verächtlich sind, kommt daher, daß sie es nur im kleinen und heimlich tun. Sie sollten es machen wie die Eroberer, die man nunmehr unter die honetten Leute rechnet. Sie sollten platterdings ganze Werke fremder Leute unter ihrem Namen drucken lassen und, wenn sich jemand dagegen regt, ihm hinter die Ohren schlagen, daß ihm das Blut zu Mund und Nase herausspritzte.'' Nun, so kräftig raschpelt Euer Meisl nicht. Dessen Buch „Haskala. Geschichte der Aufklärungsbewegung unter den Juden Rußlands * hat, vor drei Monden schon, mein Mitarbeiter Lazarus Goldschmidt, der größten Hebraisten, Talmudisten, Übersetzer, Bibliophilen einer, das nachgewiesen, wozu Lichtenbergs Scherzwort dem Kessen rät und was sein Ernstwort als verächtlich bemakelt. Der Meisl aber regt sich nit. Er hat zwar angekündigt, jede Enthüllung über seine literarische Abschreiber- und Fälscherwerkstätte mit einem Selbstmord zu beantworten, hat am nächsten Tag mit dem Staatsanwalt geschreckt, der Schäker. Schließlich aber ist es nur eine Flucht in den Erholungs- 123