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Die Jüdische Gemeinde · 1927-02-15 · 4 (15.2.1927) · p. Seite 116

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
4 (15.2.1927)
Date
1927-02-15
Page
Seite 116 (sequence 26)
Language
German
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gespenster hinwegblasen; aber die Stille dauerte immer an, und man sah nur die bleichen Lilien gen Himmel ragen. Als die Kinder von Ruhm sprachen, sagte man ihnen: Werdet Priester! als sie von Ehrgeiz sprachen: Werdet Priester! von Hoffnung, von Liebe, von Kraft, von Leben: Werdet Priester! Drei Elemente teilten sich in das Leben, das damals vor der Jugend lag: hinter ihnen eine auf ewig zerstörte Vergangenheit, die sich noch auf ihren Trümmern bewegte, mit all den Ueberresten der Jahrhunderte des Absolutismus; vor ihnen die Morgenröte eines ungeheuren Horizonts, die ersten Lichtstrahlen der Zukunft; und zwischen diesen zwei Welten . . . etwas dem Ozean Aehnliches, der den alten Kontinent vom jungen Amerika trennt, etwas Unbestimmtes und Fließendes, ein stürmisches und klippenreiches Meer, von Zeit zu Zeit in der Ferne von einem weißen Segel oder von einem Schiff durchkreuzt, das nackte Dampfwolken ausstößt. Mit einem Wort: die Gegenwart, die die Vergangenheit von der Zukunft scheidet, die weder die eine noch die andere ist und die doch zur selben Zeit allen beiden gleicht; in der man bei keinem Schritt, den man tut, weiß, ob man auf einem Saatfeld oder auf einem Trümmerhaufen wandelt. In einem solchen Chaos mußte man damals wählen; das bot sich jenen Jungen dar, die voller Kraft und Kühnheit waren, den Söhnen des Kaiserreichs und den Enkeln der Revolution. (Deutsch von Botho Laserstein.) Am Rande Die Lage der jüdischen Hausangestellten Ueber die Arbeitsnachweise, diese so bequem spaltenfüllende Institution, ist schon manches geschrieben worden. Noch nie aber wurde die besonders schwierige Situation der jüdischen Proletarier erwähnt, deren zum Teil katastrophale Notlage gebieterisch eine Erörterung verlangt. Der jüdische Industriearbeiter ist kaum schlechter daran als irgendein anderer; man kauft seine Arbeitskraft, er gibt sie hin und wird dafür bezahlt. Eine ungünstigere Lage gegenüber den anderen wird hier selten festzustellen sein, soweit sie nicht durch ausgesprochenen t Antisemitismus einerseits oder durch störende Forderungen der jüdischen Religion andrerseits bedingt ist. Die jüdischen Hausangestellten aber finden einfach keine Stellung. Tag für Tag kommen jüdische Mädchen in den städtischen Arbeitsnachweis, um sich als Dienstmädchen, Köchin oder ähnliches zu vermieten, und immer wieder wird man sehen, daß die Hausfrauen, jüdische wie christliche, sie nicht nehmen. Um einen Einwand vorweg zu erledigen: diese Mädchen sind nicht besser oder schlechter, nicht sauberer oder schmutziger als irgendein anderes. Oft sind es Töchter kleinbürgerlicher, meist in der Inflation verarmter, häufig aus der ehemaligen Provinz Posen (nicht Polen!) zugewanderter Familien. Es ist nicht einzusehen, warum christliche Hausfrauen ein solches Mädchen nicht nehmen wollen. Kaum jemals wird man 116

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