Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 4 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 115 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Alle Wiegen Frankreichs waren Schilde; alle Särge ebenfalls: es gab in der Tat keine Greise mehr, es gab nur Leichen oder Halbgötter. Indessen sah der unsterbliche Kaiser eines Tages, auf einem Hügel ragend, sieben Völker sich hinmorden; als er noch nicht wußte, ob er Herr der Welt oder nur der halben Welt sein würde, ging der Engel des Todes über die Landstraße; er streifte ihn mit dem Flügelrande und stieß ihn in den Ozean. Beim Geräusch seines Falles richteten sich die alten, totkranken Glaubenslehren wieder auf ihren Schmerzensbetten auf, und als sie ihre gelähmten Pfoten ausstreckten, verteilten alle königlichen Spinnen Europa. Ebenso wie ein Reisender, wenn er mitten auf dem Wege ist, Tag und Nacht, bei Regen und Sonnenschein reist, ohne seiner schlaflosen Nächte und der Gefahren zu gedenken; aber sobald er bei seiner Familie angelangt ist und am Feuer sitzt, eine Müdigkeit ohne Grenzen empfindet und sich kaum zu seiner Lagerstatt schleppen kann; ebenso fühlte Frankreich, Witwe des Kaisers, plötzlich seine Wunde. Es wurde ohnmächtig und verfiel in einen so tiefen Schlaf, daß seine alten Könige, da sie es tot glaubten, es mit einem weißen Bahrtuch verhüllten. Die alte Armee mit den ergrauten Haaren kehrte zurück, vor Mattigkeit erschöpft, und die Herdfeuer der verlassenen Häuser hüpften wieder traurig. Alsdann umarmten diese Menschen des Kaiserreichs, die so viel gelaufen und so viel niedergemetzelt worden waren, ihre abgemagerten Frauen; sie betrachteten sich in den Quellen ihrer heimatlichen Wiesen und sahen sich darin so alt, so verstümmelt, daß sie sich ihrer Söhne erinnerten, die ihnen die Augen schließen könnten. Sie fragten, wo sie wären; die Kinder kamen aus den Schulen und als sie keine Säbel mehr sahen, keine Panzer, keine Infanteristen, keine Reiter, fragten sie ihrerseits, wo ihre Väter seien. Aber man antwortete ihnen, daß der Krieg zu Ende, daß der Kaiser tot sei, und daß die Bilder von Blücher und Wellington in den Vorzimmern der Konsulate und der Gesandtschaften hingen, mit den zwei Worten am untern Rande: Salvatoribus mundi. Da sah man auf einer Trümmerwelt eine sorgenvolle Jugend. Alle diese Kinder waren Tropfen eines kochenden Blutes, das die Erde überflutet hatte; inmitten des Krieges waren sie für den Krieg geboren. Sie hatten fünfzehn Jahre lang vom Schnee von Moskau und von der Sonne der Pyramiden geträumt; man hatte sie an die Verachtung des Lebens gewöhnt als junge Haudegen. Sie waren niemals über das Weichbild ihrer Städte hinausgekommen; aber man hatte ihnen gesagt, daß man durch jeden Grenzpfahl dieser Städte in eine Hauptstadt Europas eingehe. Sie hatten in ihrem Kopfe eine ganze Welt; sie betrachteten die Erde, den Himmel, die Straßen und die Wege; das war alles leer, und die Glocken ihrer Kirchen tönten allein in der Ferne. Die Kinder sahen alle Mißstände und dachten immer, der Schatten des Kaisers müsse in Cannes sich einschiffen und die Nacht-