Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 4 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 114 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Söhne deS Krieges von Alfred de Musset Diese Ausführungen von gewaltiger dichterischer Schönheit entstammen Musset's „Bekenntnis eines Kindes des Jahrhunderts" (1836). Sie schildern die Stimmung einer Jugend, die in der Zeit nach einem verlorenen Kriege und einem ungeheuerlichen Niederbruch hastet, die auf den Trümmern eines Kaiserhauses erträumtem Qlück nachtrauert und unempfänglich neuen Idealen gegenübersteht, so scharf und ergreifend, daß wir heut eine Analyse der Jugend vom Hakenkreuz auf Schule und Universität zu lesen vermeinen. Während der Kriege des Kaiserreichs, während Gatten und Brüder in Deutschland weilten, hatten unruhige Mütter eine leidenschaftliche, bleichsüchtige, nervöse Generation zur Welt gebracht. In den Schulen beim Wirbel der Trommeln erzogen, betrachteten sich Tausende von Kindern mit finsterem Blick, wenn sie ihre schwächlichen Muskeln betasteten. Von Zeit zu Zeit erschienen ihre Väter, blutbedeckt, hoben sie an ihre goldverbrämte Brust, stellten sie wieder auf die Erde und stiegen zu Pferde. Ein einziger Mann lebte damals in Europa; die übrigen Lebewesen versuchten sich die Lungen mit der Luft zu füllen, die er ausgeatmet hatte. Jedes Jahr opferte Frankreich diesem Manne dreimalhunderttausend junge Leute; er aber nahm mit einem Lächeln diesen neuen, dem Herzen der Menschheit entrissenen Nerv, zerquetschte ihn zwischen seinen Fingern und formte daraus eine neue Sehne für seinen Bogen. Dann legte er auf diesen Bogen einen der Pfeile, die das Weltall durchschwirrten und die in einem kleinen Tal auf einer verlassenen Insel unter eine Trauerweide fielen. Niemals gab es so viele schlaflose Nächte wie in der Zeit dieses Mannes; niemals sah man eine so große Menge trostloser Mütter über die Wälle der Städte sich neigen; niemals war es so still um die, die vom Tod sprachen. Und dennoch sah man niemals so viel Freude, so viel Leben, war man niemals kriegerischer gestimmt; niemals sah man so reine Sonnenstrahlen wie die, die all dies Blut trockneten. Man sagte, Gott schüfe sie für diesen Mann und nannte sie die Sonnenstrahlen von Austerlitz. Aber er schuf sie wohl selbst mit seinen immer dröhnenden Kanonen, die nur an den Tagen nach seinen Schlachten Wolken schatten ließen. Die Luft dieses wolkenlosen Himmels, wo so viel Ruhm glänzte, wo so viel Stahl leuchtete, atmeten damals die Kinder. Sie wußten wohl, daß sie zu Hekatomben bestimmt waren; aber sie hielten Murat für unverwundbar, und man hatte den Kaiser über eine Brücke schreiten sehen, wo so viel Kugeln pfiffen, daß man nun nicht mehr wußte, ob er überhaupt sterben könne. Und wenn man auch hätte sterben müssen, was läge daran? Der Tod selbst war damals so schön, so groß, so herrlich in seinem rauchenden Purpur. Er ähnelte so sehr der Hoffnung, er säte so grüne Aehren, daß er dabei wie verjüngt aussah und man nicht mehr an das Alter glaubte. 114