Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 4 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 105 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9572329-9573323-9572445--124-9572460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Im Laufe dieses Jahres starb ein von mir hochverehrter und mir persönlich befreundeter jüdischer Schriftsteller, Leopold Schwarz, zu Brünn in Mähren. Er war ein Mann von hohem Idealismus, zugleich Vegetarier, — auch für mich, der ich gleichfalls Vegetarier bin, besteht ein ganz inniger Zusammenhang zwischen Vermeidung von Tier- und Menschentötung — Lebensreformer und Pazifist, Friedensfreund, überhaupt allem Edlen zugetan. Am Beispiel solcher Männer kann man sich aufrichten! Wenn sich jemand veranlaßt fühlen würde, seiner (Augustiuergasse, Brünn) in recht trüben Verhältnissen lebenden Witwe und seiner Familie zu Hilfe zu kommen, wäre das gewiß ein gutes Werk. Wenn ich darum eine Bitte an die Leser dieser Zeitschrift richten darf, so ist es die: Begeistert euch für den Friedensgedanken und suchet ihn zu verbreiten! Jüdischer Querschnitt von Alfons steiniger Für Siegfried Hanff Soll man Aphorismen verachten? Gegen den billigen Christbaumschmuck der Weihnachtsbeilagen jüdischer Journale ist die Verachtung gerecht. Das ist der typische Räumungsschund: philosophische Kurzwaren en detail, Restposten gut erhaltener Wahrworte, verschossene Lebensregeln, kaum veraltete Spitzenjabots und auf neu gebürstete Kalenderverse. Ganz etwas Anderes aber ist der Aphorismus als denkökonomische Kürzung der geistigen Diskussion. Die kann nur den Langweilern nicht gefallen: grauschleimigen Nebelregen haben sie gern, ermunternde Hagelstürme nicht. * Gewissen anständigen Puten (auch jüdischen) bekommt die Literatur schlecht. Mit einem Mal fühlen sie sich nicht mehr interessant genug und fangen an, die Zigeunerinnen zu spielen. Außerhalb ihrer Cafes aber merkt man den Schwindel und empfindet als übelsten „Komplex" den, einen haben zu wollen, für den Einem die Talente fehlen. Drinnen freilich sind sie lieb gegeneinander, durchschauen die Defekte, die sie nicht haben, und übersehen keinen. Das macht das Leben leichter und literarischer. * Ein für alle Male: Antisemitismus ist eine innerjüdische Angelegenheit! * Gegen den Antisemitismus von heute bin ich schon, weil er die Juden dazu bringt, ihn mit Plattheiten oder mit sentimentalen Phrasen zu widerlegen, sie also des dialektischen Scharfsinns und jeder ernsten Erwiderung entwöhnt, aus der Erkenntnis, daß die simpelsten Klein-Argumente stärker wirken als die wahrste Weisheit. Wenn es mit dem Alltags-Antisemitismus und der ihm gemäßen 105