Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 4 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 104 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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mit tausend Banden, macht die räumlichen Entfernungen zu etwas Bedeutungslosem. Von Tag zu Tag wird ihnen deutlicher zum Bewußtsein gebracht, daß sie aufeinander angewiesen, Glieder eines Leibes sind, daß der Schaden anderer Völker ihr eigenstes Verderben bedeutet. Aus alledem wäre man versucht, zu schließen, der Ausbruch eines Krieges sei ein Ding der Unmöglichkeit. Und dennoch ist dem nicht so, wie wir mit Schrecken gewahren. Aus dem Umstände können wir entnehmen, daß unsere „Zivilisation" noch keine wahre, volle und allseitige ist, daß sie noch viele Lücken und Gebrechen aufzuweisen haben muß, denn eine „Zivilisation" im vollkommenen Sinne und Krieg schließen sich gegenseitig völlig aus. Es fehlen also noch tausenderlei Dinge im Wesen des Staates und der Anschauung von ihm, in der Auffassung und Praxis der gegenseitigen Beziehungen von Völkern und Reichen, in der Gedanken- und Begriffswelt, dem geistigen und sittlichen Charakter vieler Menschen. Sonst wäre ein Krieg unmöglich. Wir können aber ebenso daraus die Hoffnung schöpfen, es werde mit dem Fortschritt der echten „Zivilisation" in Zukunft ebenso möglich werden, die Völkerkriege auszuschalten, wie man das Räuberwesen (wenigstens in großem Umfang) und die Privatfehden abgestellt hat. Auf jeden Fall erkennen wir handgreiflich die Dringlichkeit der bereits eingangs erwähnten Pflicht eines jeden die Zivilisation liebenden Menschen, für den Frieden einzutreten. In der Tat gewinnt die Friedensbewegung unter den verschiedensten Völkern eine ständig wachsende Ausdehnung. Ich meine nun, — ich bin gebeten worden, in dieses Blatt zu schreiben, und benütze gern die Gelegenheit, obwohl ich kein Jude bin — den Israeliten empfehle sich der Friedensgedanke ganz natürlicher Weise. Sie sind seit nahezu 2000 Jahren kein einen Staat bildendes und daher kein Krieg führendes Volk und waren auch vorher nicht aggressiv. Sie sind in den meisten Ländern verbreitet und haben daher ein Interesse am Frieden. Müßten ja im Kriegsfalle Juden gegen Juden kämpfen. Ihre Lage weist sie darauf hin, mit an der Versöhnung der Völker zu arbeiten. Es ist daher dringend wünschenswert, daß, wo sie einen Einfluß besitzen, sie denselben im Sinne des Friedens ausüben. „Friedensstadt" hieß ihre alte Hauptstadt. Sollten sie nun nicht danach trachten, in der Welt draußen ein geistiges Jerusalem, eine Friedensstadt, zu schaffen? — Soweit sie religiös gesinnt sind, wird ihr Gottesgedanke, der doch wesentlich ein Welt und Völker umspannender und ein solcher der Liebe ist, sie zu solchen Tendenzen führen, und werden die Stimmen ihrer Propheten sie im gleichen Sinne beeinflussen. Ich verweise nur auf das Wort des Gottes Israels: „Ich denke Gedanken des Friedens und nicht der Trübsal" (Jerem. 29, 11) und die Mahnung des Propheten (Sach. 8, 19), die die Gesamtheit des sittlichen Tuns und der Pflichten des Menschen in die Worte zusammenfaßt: „Liebet die Treue und den Frieden!" — Tatsächlich ist auch das jüdische Element in der Friedensbewegung stark vertreten. In unserer deutschen Friedensgesellschaft, der auch ich angehöre, befinden sich viele Juden. 104