Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 4 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 103 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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siertes" Volk noch Kriege führen kann. In dem damals besetzten Gebiete von Frankreich sagte eine Frau aus dem Volke während des Krieges, als ich als Feldgeistlicher draußen war, zu mir: „Wozu doch der Krieg zwischen zivilisierten Völkern, wie Deutschen und Franzosen? Das hat keinerlei Sinn. So etwas ist für wilde Völker gut." Darin sprach sich ein gesundes, unumstößlich richtiges Gefühl aus. Echte Zivilisation macht nicht bloß die Arbeit zur Einnahmequelle, sondern setzt bestimmte vernünftige Regeln, Recht und Gesetz, an die Stelle von Willkür und Gewalttat. Sind diese Gebote wahrhaft herrschend, und werden sie respektiert, so muß der gewalttätige Streit im Privatwie im Völkerleben aufhören. In der Tat sehen wir Räuberei, Faustrecht und Fehdewesen innerhalb der Staatsgebiete immer mehr zurücktreten, je mehr gesetzliche und geordnete Verhältnisse zur Geltung gelangen. So weit sich aber noch (was das Räuberwesen betrifft) solche Erscheinungen vorfinden, sind sie auf einen Mangel an „Zivilisation" zurückzuführen. Weil man noch nicht genügend für Alle gesorgt hat, so daß Manche durch schreiende Mißstände auf solche Wege gedrängt werden, weil man die Allgemeinheit noch nicht hinlänglich unterrichtet, erzogen und an Arbeitsliebe gewöhnt hat, können sich solche Dinge ereignen. Während nun die Gewalttätigkeit innerhalb der Staaten im Vergleich zu früher bedeutend abgenommen hat, hat man dagegen das Institut der Staatenkriege bis heute beibehalten. Wohl sind sie — das muß man anerkennen — seltener als früher geworden. Allein dafür werden sie mit um so größeren Massen geführt und bringen noch weit verheerendere Wirkungen hervor, als in früherer Zeit, und zwar gerade deshalb, weil die „Zivilisation" (hier nur in Anführungsstrichein) die raffiniertesten Mittel für das Tötungsgeschäft geliefert hat, die man ehedem nicht kannte. Es besteht das Eigentümliche, daß die „wilden" Volke r keine nennenswerten Kriege führen, noch auch führen können, daß diejenigen Nationen, wie Chinesen und Inder, deren uralte Kultur zum Stillstand gelangt ist, friedlich auftreten, und fast nur die „hochzivilisierten" Reiche (Japan ist erst kriegerisch geworden, seit es den Anschluß an westliche Kultur gesucht hat) sich diese Exzesse leisten, so zwar, daß die armen „Wilden", die keine solche Unternehmungen beabsichtigen, von ihnen zum Kriegsdient gezwungen werden. Aber sollte man nicht dennoch alf diesen traurigen Tatsachen gegenüber unter Anführung tausendfältiger Gründe die Behauptung wiederholen, daß ein Krieg bei den Verhältnissen der jetzigen „Zivilisation" etwas Unsinniges sei? Die Zivilisation treibt uns ja nicht bloß an, vernünftig und friedlich zu werden, sie verlangt auch in ihrem eigensten Interesse die Bewahrung des Friedens. All' ihre Güter und Errungenschaften werden durch einen Krieg in Frage gestellt. Ein zivilisiertes Volk hat sehr viel, ein unzivilisiertes wenig zu verlieren. Der einzelne Mensch, wie die Gesamtheit, haben daher, wo „Zivilisation" herrscht, das brennendste Interesse am Frieden. Die zunehmende „Zivilisation" bringt die Völker einander immer näher, verknüpft sie 103