Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 4 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 101 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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sie es heute unbedingt können). Erinnerlich sind noch die Krawalle des Jahres 1923 im Scheunenviertel, deren Ergebnis war, daß die Polizei nur insofern einschritt, als es sich um Juden handelte; die stellte sie dann auf dem Kasernenhof mit seitwärts gehobenen Armen auf und verdrosch sie unter Führung ihrer Offiziere. Solche Geschichten lassen sich beliebig vermehren und hätten damals den ersten Programmpunkt des R. j.F. rechtfertigen können, der da sagt: „Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten will gegenüber den maßlosen Drohungen der deutschvölkischen Gegner mit der Hingabe wie einst im Felde für Ehre und Leben der deutschen Juden eintreten". Schon in diesem Punkt tritt aber das in Erscheinung, was das wahre Wesen des Bundes ausmacht: die Erinnerung an damals — „Hingabe wie einst im Felde". Wenn irgendwelche Weltkriegsteilnehmer, so haben die deutschen Juden bitterste Erfahrungen im Kriege machen müssen. Sie mußten bei Allem noch das kränkende Gefühl der Zurücksetzung ertragen, besonders die jüngeren unter ihnen, die ehrlich an Beförderung und Auszeichnungen glaubten. Jetzt aber, wo sie gesehen haben, was gespielt wurde und wird, sind sie froh, dieser schlachtenden und schleifenden Landsknechthorde, genannt ruhmreiches Heer, mit leidlich heilen Knochen entronnen zu sein, und wollen vergessen und nochmals vergessen! Da kommt aber der R. j. F. Weil Juden meist etwas Grütze im Kopf haben, denkt man: endlich ein vernünftiger Frontbund, ein Bund gegen das Frontsoldatentum. Aber auch er wahrt die bekannten Traditionen und (Punkt 4): „will die Erziehung zur körperlichen Ertüchtigung und Wehrhaftigkeit von jung auf mit allen Mitteln fördern". Das ist der Punkt, an dem der Frontbund anfängt, zum Verbrecher zu werden, zum Verbrecher nämlich an der Jugend. Er gliedert sich erst eine Frauengruppe an — gut: Das haben alle Deckoffiziervereine, ob Ab-, Doppel- oder Eindeckoffiziere. Aber mit welchem Recht macht sich ein Frontsoldatenbund über die Jugend her, bildet einen großen Verein, die „Jungfront", und infiziert die leicht empfänglichen Jungen mit Kriegstradition? Aufgabe eines richtigen Frontsoldatenbundes ist es, für Kriegshinterbliebene, Kriegsbeschädigte und in Not befindliche Kriegsteilnehmer zu sorgen und neue Kriege zu verhüten. Nichts davon tut der R. j. F., sondern er (Punkt 3) „tritt ein für Einfachheit und straffe Selbstdisziplin" (indem er Bälle, Gesellschaftsabende und Sportfeste veranstaltet). Und dann geht er mit seinen grimmigsten Feinden, den rechtsradikalen Frontsoldaten zum Herrn Generalfeldmarschall, in dessen Heer man die Juden zählte, und bittet um ein Mal als Werbeplakat für den nächsten Krieg. Nach dem Gespräch sind die jüdischen Frontsoldaten in gehobenerer Stimmung als einst ihre Väter, wenn sie den obersten Kriegsherrn grüßen durften. Die Rechtsradikalen aber fahren nach Nürnberg zur Einweihung eines Fliegerdenkmals, nehmen jedoch nur unter der Bedingung teil, daß Frankl — immer- 101