Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 4 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 98 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9572329-9573323-9572445--117-9572453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Fehldenken der Entschuldigungsjuden beruht nun darauf, daß sie den Antisemiten für belehrbar halten und glauben, durch Schilderung der eigenen militärischen Tüchtigkeit und patriotischen Bravheit ihn menschlich gewinnen zu können. Das ist psychologisch zwecklos. Statt langer Erörterungen bekenne ich mich bei der Psychoanalyse des Antisemitismus zu der zunächst erstaunlichen, aber doch richtigen Feststellung von Heinrich Graf Coudenhove (des Vaters des jetzt bekannteren Paneuropäers Richard Coudenhove), die er in seinem grundlegenden und leider viel zu wenig gelesenen Werke „Das Wesen des Antisemitismus" dahin ausspricht, daß Antisemitismus primär etwas heute noch auf religiösen Kindheitseindrücken Beruhendes ist, da die allgemeine Volksübung durch naive Darstellungen der Kreuzigungsgeschichte, bei denen die Heilandsgestalt und die bösen Juden in scharfen Kontrast gebracht werden, dem Kinde den ersten Schreck über die Tücke der Welt beibringt. Da nun das Zeitalter nicht mehr religiös bestimmt ist, so wird nach der Darstellung Coudenhoves der religiöse Kindheitseindruck bald vergessen, aber für den nun einmal vorhandenen Abscheu gegen die Juden sekundär die Abreagierung in immer neuen und immer wieder neuen pseudowissenschaftlichen Theorien angestrebt. Eine merkwürdige Bestätigung findet die Darstellung Coudenhoves bei dem ihm sonst geistig gar nicht nahe verwandten Berthold Auerbach in der Novelle „Der Lauterbacher", wo ein ländlicher Schulmeister in einem naiv philosophierenden Tagebuche ganz Aehnliches äußert. Wenn die Methode des „Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten", den Antisemitismus zu bekämpfen, lediglich sachlich falsch wäre, so könnte man ihn sich selbst überlassen. Aber die Sucht, von Reaktionären anerkannt zu werden, bedeutet ein Handicap für uns Pazifisten, Sozialisten und Republikaner. Denn es verleiht unseren Gegnern ein Prestige, das sie nicht verdienen, und die Frontjuden würden uns besser gefallen, wenn sie einen Appell „Nie wieder Krieg" aus ihrem Fronterlebnis ableiten wollten. Allerdings muß man dann bereit sein, für den Fall, daß die Dinterdeutschen endgültig und unabänderlich das deutsche Volk in geistige Fesseln schlagen sollten, auf den Namen Deutscher Verzicht zu leisten. Ich weiß, daß eine derartige Aeußerung, die nach einer Anwandlung von Emigrantenstimmung schmeckt, von vielen für zionistisch gehalten wird. Da ich aber kein Zionist bin, muß ich mich hier gegen die Zionisten abgrenzen; denn der herrschende, aber irrige Sprachgebrauch kennt nichts Drittes neben Assimilanten und Zionisten. Obwohl ich, wie aus allem ersichtlich, kein Assimilant bin, führt der von mir vertretene Standpunkt keineswegs zum Zionismus, weil mir der Glaube daran fehlt, daß die romantische Rückkehr nach der militärgeographischen Brücke zwischen mehreren seit Jahrtausenden miteinander ringenden Imperialismen jüdischen Proletariern dauernd 98