Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 3 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 83 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernunft zu erkennen suchen und sie so bejahen: Plato bemüht sich um den Ursprung der subjektiven Ideen im Menschengeist wie um die außerhalb des Menschen waltenden objektiven Ideen. Der jüdische Theologe Jesus Sirach beschreibt Ausgang und Wirken der göttlichen Idee (im 24. Kapitel seines Buches der Weisheit). Kant dagegen verneint in seiner Kritik der reinen Vernunft die Erkennbarkeit objektiver höchster Ideen dialektisch, er anerkennt sie zugleich als Forderung der praktischen Vernunft. Wiederum charakterisiert das Buch der Weisheit, das den Namen Salomos führt, die „Gottlosen" in seiner religiösen Kritik. Wenn der Mensch mit seinem Verstand auf mögliche und unmögliche Weise die die Welt zusammenhaltenden Ideen zu schauen begehrt (also nicht auf dialektischem Wege der Theologie, Philosophie, Juristik oder Medizin), so wird dies geistige Verlangen in seinen Irrgängen und seiner allmählichen Erleuchtung die Faustgestalt Goethes. Dieser von Natur aus schauende Geist fällt von seinem Streben im Dienst der höchsten Idee ab, wenn er zum Geiste wird, der stets verneint und die Zerstörung zu seinem Element macht — das ist Luzifer; darum hielt Fahsel einen besonderen Vortrag über den Propheten Jesaisas und die Dämonologie. Indem die Idee auf den Willen einwirkt, bricht die Gewalt der Liebe durch, die wir in der Geschichte in dem Eros des Sokrates finden und in der Ehe. Die Gesamtheit bildet in gleicher Bahn Gesellschaften und die Staatsidee. Der Mensch will durch Erkennen und Willen die Dinge der Welt irgendwie beherrschen, zugleich möchte er als Teil des Ganzen einer höchsten Kraft des Universums sich unterwerfen als der Idee eines göttlichen Wesens und sich mit ihm (gläubig oder gehorsam) vereinen. Das ergibt den religiösen Akt, als ein besonderes Verhalten des Verstandes und Willens. Von diesem umstimmenden Einfluß der Idee sprachen Fahsels „Zwei Wege nach Damaskus": der mehr mystische Weg Strindbergs und der mehr ästhetische Weg von Huysmans. Durch den Leib ist der Mensch der materiellen Welt verbunden und wird durch ihn auch von jenen Ideen bewegt, welche als Formen und Kräfte der physischen Natur das Reich der Gestirne, Elemente und Organismen durchdringen. Die „Psychologie der Leidenschaft" ergab sich bei dieser Einstellung. Wenn der Mensch von der Idee eines positiv seligen Anfangszustandes in der Vergangenheit und eines positiv seligen Endzustandes in der Zukunft durchdrungen ist, so wird er Verständnis haben für das „doppelte Paradies", das Fahsel aufschloß. Der verneinende Charakter einer solchen Idee wurde der Gedankenkreis des 12. und letzten Vortrags über Buddha und Nirwana. In das Reich der praktischen Philosophie oder Ethik soll nun die neue Vortragsreihe einführen mit durchgehender Beachtung des innigen Zusammenhangs zwischen der physischen, logischen und moralischen Ordnung, also unter Voraussetzung der Anerkennung der physischen Ordnung und des logischen Denkens. Daneben gehen Themen wie das Wesen der Willensfreiheit und Zurechnungsfähig- 83