Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 3 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 82 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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throposophie, Rittelmeyer mit seiner Christengemeinschaft und der ihm „offenbarten" Messe. Ich selber habe dort oben die Festrede auf Schiller 1905 gehalten. Wir alle sahen den überfüllten Saal. Und jedem von uns ging es um seine gewisseste Ueberzeugung. So frei ist der Mensch, so menschlich ist die Freiheit. . . Nun betrachten wir noch für einige Minuten diesen Kaplan Fahsel in seinem geistigen Gesamtbilde. Die starke Strömung unserer Tage vom Materialismus zum Idealismus gibt ihm den günstigen Boden für sein Wirken. Selbst von der Macht der Idee erfaßt, drängt es ihn, die Welt der Ideen unmittelbar durch das gesprochene Wort denen zu verkünden, die zu ihm strömen. Er will das Dasein der Ideen und ihre Erkennbarkeit, ihre Objektivität und Unveränderlichkeit aussprechen. Sie bedeuten ihm das schlechthin Gute. Darum bemüht er sich, den Zusammenhang von Metaphysik und Ethik aufzuzeigen und den sozialen Wert der Idee ins Licht zu rücken. Und weil ihn die Schönheit der Ideenwelt anzieht, „bringe ich jedesmal mit großer innerer Freude die Rangordnung und Harmonie der Ideen irgendwie zum Ausdruck, indem bei jeder Ausführung eines Themas vor meinem Geiste eine Einheit in der Vielheit gleichsam wie eine geistige Architektonik plastisch lebendig wird." Die geistige Schau soll die Zusammenhänge und Maße der verschiedenen Reiche des Kosmos aus dem unklaren Bewußtsein in die deutliche Erkenntnis erheben. Gut und schön sagt dieser ehrliche Makler, man diene auch der Wissenschaft, wenn man nachdenke, was schon gedacht wurde, aber unter einer neuen Beleuchtung und Gegenüberstellung wichtige Gedanken neu belebt und vom eigenen erregten Geiste in den Geist der Mitmenschen hinüberflammen läßt. Denn das, was sich die Menschheit an ewigen Wahrheiten erworben hat, soll ihr nicht wieder verlorengehen, damit sie bei allem Fortschritt gesund bleibt. Dieser glückliche Mann, dem sich die Welt nicht als ein Chaos darstellt, sondern als ein Kosmos, erblickt überall Zusammenhang, Ordnung, naturwissenschaftlich gesagt: Gesetze und Normen. Er sieht die Seinsordnungen, Wesensstufen, Gattungen und Arten der Dinge. Selbst die moralische Unordnung lasse sich auf Beweggründe und Umstände zurückführen, die auf eine animalische oder physische Gesetzmäßigkeit hinweisen. Zufall und Geheimnis im Blick auf die begrenzte menschliche Erkenntnis sind ihm nur relative Begriffe. Für einen unbegrenzt vollkommenen Verstand gibt es in der Welt keine Geheimnisse und keinen Zufall, alles unterliegt einer universalen geistigen und physischen Ordnung. Die Ideen beherrschen die Welt und drücken ihr das Siegel der Gesetzmäßigkeit auf, bewirken ihre Erkennbarkeit und sind die Ursachen aller Wissenschaften und Unternehmungen des geistigen Menschen. In diesen Rahmen seiner Weltanschauung stellte Fahsel sein Dutzend Vorträge im verflossenen Winterhalbjahr. Der Einfluß der Idee auf die Seelenkräfte des Menschen war das Gesamtthema. Der Mensch kann die höchsten Ideen auf dem Wege der dialektischen 82