Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 3 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 81 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Geheimnis d/eses grundgelehrten Priesters ist ein doppeltes, es bleibt natürlich den allermeisten seiner vielen Hörer verborgen: Die Dogmatik und Ethik des heiligen Thomas von Aquin; die Schulung in Dialektik im theologischen Seminar. Aus dieser Schatzkammer und Rüsthalle stammt das Beste. In dieser Welt lebt und webt er. Was der jüdischen Frömmigkeit der rabbinisch-talmudische Spürsinn der Synagoge ist mit ihrer Wortspalterei und der spitzfindigen Kasuistik, das ist dem katholischen Kirchenglauben die Scholastik der Theologenhäupter und die Beichtpraxis der Moralethik. Legt man zu den durchaus studierten Lateinwerken des mittelalterlichen Klassikers die umsichtige Kenntnis der Strömungen und Gegenströmungen in jüngerer und jüngster Zeit, die mühelos vom Kirchendogma her bewertet werden, so bleibt an dem Phänomen „Fahsel" kaum ein Rätsel zurück. Er will gewißlich seine Faustusse sachte seine Straße führen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche — doch so, wie uns Strindberg seinen Weg nach Damaskus dichterisch-bekennerisch aufschloß. Das muß er als Katholik mit brennendem Eifer versuchen; auch seine Kirche, die weitherzig-wohlgefällig seiner Protestantenmission die Tür auftut in Gunst und Schutz, ließe ihn gewiß nicht in angenehmer Freiheit leben ohne die Gegengabe seiner Apologetik.. Wie immer: Auf solcher geistig-sittlichen Höhe, von Charakterreinheit getragen, mögen sich die Kräfte messen. Dieser Sport ist menschenwürdig. Die Zentralheizung sprühte heißen Dunst, dessen Treibhausluft sich mit 1500 Menschenorganismen (wachenden und schlafenden) zu einer Vorbereitung auf das Fegfeuer innig verband. Fahsel musterte alle Naturerklärungen ohne Gottesbegriff und mit dem Gottesgedanken von den Griechen bis Haeckel, wobei der Dualismus das Rennen gewann. Der Mensch soll betrachten — das ergibt seine Natur, nachdenken — das schafft ihm seine Ideen, handeln — so wächst seine Ethik, die fußen muß auf Logik und auf Naturgrund. Die Welt als reine Schöpfung, in ihrer Einheit und Vielfalt das freie Kunstwerk des in sich ruhenden Gottes, verlockte unsern Gewißheitsinhaber zu Aussagen über das „innertrinitarische Wesen" Gottes, die mich heiter stimmten: Da saß er in Gottes geheimer Ratsstube und machte sich Notizen, was der Alleine seiner Natur nach sein und tun müsse! Man kam sich total belämmert dabei vor. Dann fragte man schüchtern: Woher weißt du? Da fiel einem der heilige Thomas von Aquin ein und das Priesterseminar und der Papst in Rom . . . Luft, Luft, Clavigo!, so schrie es in uns nach den zwo Redestunden beim allwissenden Kaplan. Auch die Dauerschläfer erwachten, deren Köpfe in naturgesetzlichem Rhythmus gependelt hatten. Fahsel verschwand. Ich habe auf dieser Redekanzel den greisen Haeckel stehen sehen, hinter sich die Affen- und Menschenembryos, Friedrich Delitzsch mit den Lichtbildern zu Babel und Bibel, Rudolf Eucken mit dem philosophisch geläuterten Christentum, Steiner mit seiner An- 81