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Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 80

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 80 (sequence 22)
Language
German
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RomS Sendbote PahSel von Theodor Kappstein Der aus dem Protestantismus zur Kirche Roms übergetretene jugendliche Kaplan Fahsel nimmt seine Wintervorträge auf. Vor wenig Monaten saß er bei uns, trank Tee und rauchte und sprach von seinem Leben und von seinen Plänen. Dieser Proselyt ist den schöngeistigen Berlinern ein Wallfahrtsort geworden, den dritten Winter schon hält der Kulturzauber an. Was fesselt sie denn? Der Priesterrock des Unbeweibten? Nun ja, die Idee des Papstes Qregor, den Priestern das Eheweib und die Kinder zu nehmen, hat der Kirche Roms die Frauen ans mütterliche Herz gedrückt, ihr zahllose Kinder geboren, den Marienkultus brünstig angeheizt. Auch der charakterstärkste Priester wirkt wie eine noch nicht eroberte Festung — der protestantische Pfarrer mit Frau Pastörin und sieben Kindern ist ein erledigter Fall. Fahsel ist ein schwerer Redner; volle anderthalb Stunden spricht er philosophisch, nicht ohne Beihilfe der gelehrten Fachstammelei, lebhaft rasch, trocken bei dramatischem Vortrag, unbekümmert um das Mitkommen seiner Hörerschaft. Auch dies nur halbe Verstehen (mit Nickerchen) übt mystischen Reiz auf manche Halbgebildeten; man kann so nett mitreden im Salon, ohne sich in Unkosten zu stürzen. Und der völlig freie Redner „imponiert kolossal"; was sagen Sie zu seinem Gedächtnis? hörte ich noch in der Garderobe zwo Damen flöten. Ich denke mir, Fahsel, der gesund, (also sehr) ehrgeizig ist mit seinem jähen Emporstieg in den Großstadtruhm, „disponiert" seine Reden scharf durch bis in die kleinsten Unterteile. Dies graphische Bild, wie ein genau gezeichneter Baum von der Krone bis ins Wurzelgeflecht ohne Auslassung irgend eines Astes und Rindenmals, prägt er seinem Gehirn genauest ein. Bei solchem Verfahren — er hat mir erzählt, daß er eigentlich keine Neigung zum Schreiben oder gar Schriftstellern habe — kann er lesen und meditieren, ohne den Wortlaut auf's Papier zu werfen. Schleiermacher vorbereitete seine Predigten in der Berliner Dreifaltigkeitskirche auch rein geistig, und kam doch aufs Wort fertig zur Kanzel. Ein Schönredner ist Fahsel gewiß nicht; sein Bildreichtum ist gering, die Stimme bleibt ohne musikalische Schwingung, die lautlich starke Aussprache fällt nicht selten in Nachlässigkeiten. Aber seine blitzende Waffe: er besitzt eine geschlossene Weltanschauung, sie besitzt ihn. Vielen, gar vielen ist sie zerbrochen; andere suchen sie erschreckt durch grausame Unsicherheit der Gegenwart erstmalig, in den Künsten und in den Symbolen. Da steht dieser sympathische Schicksalsjungmann vor ihnen und löst ihnen jedes, aber auch jedes erste und letzte Problem, seine Winteraufgabe lautet: „Vom Chaos zum Kosmos!" Also: Natur und Schöpfung, Instinkt und Intelligenz, Naturgesetz und Sittlichkeit, Sünde und Vererbung, Kunst und Moral, Genie und Charakter — Herz, was willst du mehr?! 80

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