Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 3 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 79 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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der in die Ferne zog und nach dem meine Sehnsucht groß ist" von R. Schelemo ben Reuben Bonfid (Spanien) und das tragische Liebesdrama zwischen Schelomo Molcho und David Reubeni; wiewohl seine Liebe fast gar nicht erwidert wurde, nahm Molcho allerhand Leiden auf sich und wurde endlich auf Befehl Kaiser Karls V. in Padua verbrannt. Wurde also einerseits das Naturgesetz: Seid fruchtbar und mehret euch!" (Gen. 1, 28) als „das erste Gesetz der Thora" bezeichnet, so galt als ihr „größter Grundsatz" (Jerus. Nedarim, Midrasch R. 5): Du wirst deinen Freund (rea) lieben wie dich selbst. (Lev. 19, 18) [wobei rea, meist als „Nächster" wiedergegeben, entsprechend seiner Bedeutung an anderen Stellen (Dt. 13, 7; Gen. 38, 12; Jer. 3, 1; Hos. 3, l; Ct. 5, 16) mit Freund zu übersetzen ist, wie auch die Vulgata dafür „amicus" setzt] Und David klagt über Jonathan (Sam. II, 1, 26): „Leid ist mir über dich, mein Bruder Jonathan! Lieb warst du mir sehr, wunderbarer war deine Liebe zu mir denn die Liebe der Frauen!" Andererseits aber verband das Hebräische den Geschlechtsgenuß aufs engste mit der Gotterkenntnis, wie ja „jadoa" erkennen wissenschaftlich wie geschlechtlich (z. B. Gen. 4, 1) gebraucht wird. Der französische Denker Chamfort meint, daß darin viel Menschen¬ bzw. Frauenkenntnis liege, daß man erst im Verkehr ein Weib völlig erkennen könne; jedoch handelte es sich, wie wir gesehen haben, weniger um Erkenntnis des Weibes als des göttlichen Mysteriums im und durch den Geschlechtsakt. Wie wichtig das Erotische dem ursprünglichen Volke erschien, mag daraus erhellen, daß auch das Alphabet männliche, d. s. nageiförmige Zeichen (j, w) und weibliche (dreieckige, breite wie Ssamekh, h) hat, in denen die Geschlechtsorgane abgebildet erscheinen, wie sie bei allen Völkern symbolisiert wurden. Schon der alte Midrasch R. Tanchuma sieht im Jod das „Zeichen der Beschneidung", und der Schar verabscheut den (ursprünglich ganz dreieckigen) Buchstaben Ssamekh als weibliches Urprinzip. Auffallend ist auch, daß im Alphabet eine gewisse Paarung männlicher und weiblicher Zeichen zu beobachten ist, und der Ausdruck „Meruba"-Schrift, meist als „Quadratschrift" umschrieben, ist eigentlich eine Pualform des Zeitwortes „raboa", das den Geschlechtsverkehr ausdrückt (z. B. Lev. 19, 23). Keuschheit und Zölibat haben also mit dem Judentum absolut keinen Zusammenhang, weisen vielmehr auf ostheidnischen Einfluß: die Priester des Attis und Mithras waren Verschnittene, Eunuchen. Das Christentum, das besonders viel aus diesen beiden Kulten entlehnte — namentlich aus dem Mithraismus — übernahm hiervon auch die Ehelosigkeit der Priester, ein Gebot, das jeglicher höheren Kultur ins Gesicht schlägt. 79